"Die Presse": Kommentar: "Der Spielmacher von Köpenick" (v. Anneliese Rohrer)

Ausgabe vom 20.9.2002

Wien (OTS) - So abstrus es auch erscheinen mag, so macht es doch auch Sinn, daß die Wahl in Deutschland am Sonntag in Köpenick entschieden werden könnte; ausgerechnet in jenem Berliner Stadtteil also, in dem 1906 ein Schuhmacher das ganze System zum Narren gehalten hatte, worauf er als "Hauptmann von Köpenick" von Carl Zuckmayer verewigt wurde.
Sinn macht das deshalb, weil die Wahl zum Bundestag, die zwei Tage davor als völlig offen bezeichnet wird, von einer Punktentscheidung für oder gegen die post-kommunistische PDS abzuhängen scheint. Schafft die PDS nämlich die fünf Prozent Hürde nicht, wie es die Umfragen im Moment ausweisen, dann hängt ihr Einzug ins Parlament allein davon ab, ob ihr Kandidat in Köpenick das dritte Direktmandat erreicht. Scheitert die PDS allein deshalb am Wiedereinzug, dann ist das für Edmund Stoiber und die Union von Vorteil. Schafft der Spielmacher von Köpenick aber das Grundmandat und verschafft er damit der PDS die Präsenz im Parlament, dann nützt das Gerhard Schröder und Rot-Grün.
Sinn macht diese Art von Köpenickiade aber auch deshalb, weil sich diese Unwägbarkeit nahtlos in einen Wahlkampf fügt, der von einer Reihe anderer ungeplanter Ereignisse bestimmt worden war: So versank der gesicherte Vorsprung Edmund Stoibers und der CSU/CDU in den Fluten des Hochwassers, aus denen ein fast schon geschlagener Gerhard Schröder als selbstbewußter Krisenmanager aufgetaucht ist. So verschaffte das Irak-Crescendo der amerikanischen Administration in den Wahlkampfwochen Schröder ein neues Thema, bei dem er sich breitenwirksam als Friedensapostel profilieren konnte. Und so verhalf der drohende Mobilcom-Zusammenbruch Schröder die Gelegenheit, die Rettung des Unternehmens und der Arbeitsplätze versprechen zu können:
Drei Themen, die allesamt außerhalb des Einflußbereiches des amtierenden Bundeskanzlers lagen, ihm aber dennoch populäre Plattformen bei den Wahlkampfauftritten zur Verfügung stellten.
Der Rückenwind für das rot-grüne Tandem Gerhard Schröder _ Joschka Fischer flaute den Umfragen zufolge zuletzt zwar wieder ab, bewirkte aber dennoch, daß nun alle von der Wahl "too close to call" sprechen. Das wird nicht nur bei Schröder Erinnerungen an die Wahl von George W. Bush im Jahr 2000 wecken - und damit vielleicht auch einiges Unbehagen. Aber wenn sich in Amerika die Prognose als richtig erwiesen hat, daß die Wähler jene Politiker wählen, mit denen sie gerne "auf ein Bier" gingen, dann muß der Sozialdemokrat Schröder Vergleiche mit dem Konservativen Bush nicht fürchten. Seine Sympathiewerte und die Tatsache, daß so mancher lieber mit ihm auf ein Bier ginge als ausgerechnet mit dem Mann aus dem Bier-Land Bayern, dürfte ihn sicher machen.
Die letzten Wochen haben es gezeigt: Es geht in Deutschland weniger um einen ideologischen Richtungsstreit als um die Frage der Glaubwürdigkeit. Schröders Wahlkampf war auf Versprechen aufgebaut -Hochwasser: rasche Hilfe, Irak-Krieg: keine Teilnahme, Mobilcom:
Rettung, Arbeitsplätze: bessere Politik in der Zukunft. Vertrauen die Wähler der Regierung, daß sie diese Versprechen und die nicht eingelösten der ersten vier Jahre einhalten wird, gibt man ihr eine zweite Chance - oder nicht? Stoibers und der Oppositions Wahlkampf war auf Kompetenz und Seriosität angelegt. Eine Frage der Glaubwürdigkeit auch dies. Traut Rest-Deutschland den Erfolgen des Bayerns in seinem Bundesland - oder nicht. Will man in Preußen ein Stück von jener Kompetenz haben, die Stoiber verspricht - oder nicht. In Köpenick haben die Menschen 1906 die Charade des Schuhmachers nicht durchschaut. Am Sonntag wird man wissen, wie klarsichtig die deutschen Wähler des Jahres 2002 sind.

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