"Neue Kärntner Tageszeitung" - Kommentar: Schönheit und Politik (von Manfred Posch)

Ausgabe vom 19.09.2002

Klagenfurt (OTS) - Der Wahlkampf tobt - was soll er sonst tun? Schließlich handelt es sich um keine Schönheitskonkurrenz. Oder doch? Alfred Gusenbauer mangle es an gewisser äußerlicher Attraktivität, heißt es allenthalben. Und schon fragt man sich, ob eine Nationalratswahl dazu bestimmt ist, waschbäuchigen Dressmen und rachitisch gebauten, hoffnungslos unterernährten Models eine Plattform zu vermitteln, oder ob es um mehr geht, beispielsweise die wirtschaftliche wie kulturelle Zukunt Österreichs.

Männerschönheit betreffend, fällt einem ja sofort Friedrich Torbergs unsterbliche Beschäftigung mit einer Verwandten ein: "Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten". Zum Höhepunkt ihrer Formulierungskraft gelangend und gleichzeitig grammatikalische Feinheiten zutiefst verachtend, spricht die literarische Lichtgestalt ein unendlich wahres Wort: "Was ein Mann schöner ist wie ein Aff, is ein Luxus."

Kein Sophokles und auch kein Kant, kein Nietzsche und kein Popper hätten es trefflicher darzulegen vermögen. Wozu nun der Hinweis angebracht sei, dass es sich beim SP-Bundesvorsitzenden keineswegs um einen "Aff", sondern ein solides, gestandenes, einen guten Roten schätzendes, überaus eloquentes Mannsbild handelt.

Eloquenz kann man Wolfgang Schüssel keineswegs absprechen. Ob der strichlippige Antiherkules schön ist, möge der Beurteilung der werten Leserschaft überlassen bleiben. Oder Herbert Haupt: Nicht nur, dass die Lektüre von Modejournalen keineswegs zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählen dürfte, dem Mann wird man auch nicht das Kompliment machen, er sei drauf und dran, Adonis in den Schatten zu stellen. Nein, Haupt ähnelt keinem griechischen Sagenjüngling, und wohin kämen wir schließlich, würden politische Inhalte permanent auf gebräunte Nordwandgesichter oder Eventphysiognomie reduziert!?

Die Überlegungen und Bewertungen, Anschauungen und Reihungen lassen sich beliebig fortsetzen. Bis in den Himmel hinauf, wo ein Politiker residiert, der für Österreich ungeheuer viel weitergebracht hat - obwohl er zwar stattlich, aber eben nicht schön im klassischen Sinne war. Von Bruno Kreisky ist die Rede. (Über schöne oder unschöne Politikerinnen wollen wir uns hier lieber nicht auslassen. Stünde damit doch ein Thema heran, das selbst mutigste Kommentatoren glatt ins Verderben risse...)

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