"Die Presse"-Kommentar: "Die blaue Roßkur" von Ernst Sittinger

Ausgabe vom 18.9.2002

Wien (OTS) - Rein formal betrachtet ist Mathias Reichhold der politische Senkrechtstarter der Saison: zu Jahresbeginn noch ein schlichter Kärntner Biobauer, seit Februar Infrastrukturminister, jetzt Obmann der zweitstärksten Parlamentspartei. Trotzdem darf man getrost davon ausgehen, daß weder im Hause Reichhold noch bei seinen Parteifreunden gestern besonders viele Sektkorken knallten. Seit 1975, als Josef Taus nach dem tödlichen Unfall von Karl Schleinzer zwei Monate vor dem Wahltag die ÖVP übernehmen mußte, hat es in der heimischen Politik keine derart freudlose Kandidatenkür mehr gegeben. Das Himmelfahrtskommando, das Reichhold übernimmt, ist bemerkenswert:
In der eigenen Partei ist der Kampflärm momentan noch derart laut, daß es wohl zu früh wäre, mit dem Beseitigen des zerschlagenen Porzellans zu beginnen. Ob Reichhold beim Parteitag am Samstag eine Mehrheit bekommt und wie hoch diese ausfällt, traut sich niemand zu prognostizieren. Weder Jörg Haider noch Susanne Riess-Passer wollen teilnehmen, die Regie dürfte weitgehend dem Zufall überlassen bleiben.
Reichhold hat aber seine ersten Ansagen richtig formuliert: Der Hardliner-Fraktion rund um Ewald Stadler einen plazierten Schuß vor den Bug zu versetzen war ein Gebot der Stunde. Denn Reichhold wurde zwar einst von Jörg Haider entdeckt, hat sich aber schon vor zwei Jahren von seinem Mentor entfernt und war zuletzt - obwohl noch immer als "Haiders Platzhalter" apostrophiert - eindeutig dem gemäßigt-pragmatischen Lager rund um Susanne Riess-Passer zuzurechnen. Er muß daher mit Widerstand rechnen. Allerdings hat Reichhold die Trümpfe momentan in seinem eigenen Blatt: Die Sehnsucht nach Ruhe ist in den FP-Reihen groß, die personellen Alternativen sind gering. Der Kärntner dürfte vom Schicksal Riess-Passers gelernt haben und scheint willens, die "Personalvollmacht" des Obmanns notfalls auch einzusetzen. Die Kaltstellung von Stadler und Hans Achatz bot einen Vorgeschmack. Gleichzeitig gibt ihm der immer noch vorhandene "Stallgeruch" aus dem Haider-Umfeld ausreichend Spielraum, um nicht gleich beim ersten Konflikt der Feme durch Haiders Vasallen zu verfallen.
Die Chancen stehen also gar nicht schlecht, daß es die Öffentlichkeit mit mehr zu tun bekommt als einer willenlosen Marionette, die als Lückenbüßer die Wahlniederlage auf ihre Kappe nimmt und dann wieder in der Versenkung verschwindet. Wenn überhaupt jemand einen halbwegs vernünftigen Übergang von der Haider-FPÖ zur Nach-Haider-FPÖ zustande bringt, dann ist es Reichhold. Umso spannender ist die Frage, wohin der "Neue" die FPÖ führt und welche Optionen sich mit ihm auftun. Bisher fiel der Job-Hopper, der in Klagenfurt, Wien und Brüssel schon fast alle politischen Ämter bekleidet hat, kaum durch spektakuläre inhaltliche Wegmarkierungen auf.
Sein Profil ist das eines pragmatischen Nihilisten, eines nur an Sachproblemen interessierten Technikers der Macht. Vielleicht werden sich die Wähler schwertun, ihn mit diesem Profil zu wählen - sicher aber werden es die Konkurrenten schwer haben, Reichhold als den finsteren Ultrarechten an den Pranger zu stellen.
Eine Zukunft der FPÖ scheint sogar im Bereich des klassischen Liberalismus erstmals wieder denkbar: als konsolidierte, dafür aber koalitionsfähige Fünfzehn-Prozent-Partei. Das wäre zwar eine Roßkur, aber es wäre jene "befreite Zukunft jenseits von links und rechts", von der Jörg Haider einst träumte und die die FPÖ heute dringend notwendig hat. Realistisch ist diese Entwicklung freilich nur, wenn die ÖVP so stark zulegt, daß Schwarz-Blau an der Macht bleibt. Denn nur in diesem Fall wird die erfolgsverwöhnte FP-Basis mit der Niederlage leben lernen.

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