SECHS STIMMEN FÜR EIN GEMEINSAMES EUROPA Buchpräsentation im Hohen Haus

Wien (PK) - "Annäherung ist Erweiterung" lautet der Titel eines Werkes, zu dessen Präsentation Nationalratspräsident Heinz
Fischer heute ins Hohe Haus lud. Die Publikation wird von der Initiative "Stimmen für Europa" herausgegeben, die sich um eine Propagierung der mit einer Erweiterung der EU verbundenen Chancen verdient macht.

In seiner Begrüssungsansprache meinte der Präsident, im Mittelpunkt der vorliegenden Broschüre stehe die Annäherung der Kandidatenländer an das wachsende Europa. Er selbst komme eben
von einem Besuch aus Jugoslawien und dem Kosovo zurück, und wenngleich dort viele Betrachtungsweisen unterschiedlicher nicht sein könnten, so seien sich Serben, Montenegriner und Albaner
doch einig. Langfristig sei die europäische Perspektive das
grosse Ziel. Wenngleich bei Jugoslawien derzeit der Beitritt zum Europarat aktuell sei, so strebten doch alle eine gemeinsame europäische Zukunft an.

Intellektuelle und Künstler leisteten Beachtliches in diesem Prozess, und auch dieses Buch stelle einen wichtigen Beitrag
hiezu dar. Es liefere, so Fischer weiter, Impulse zu einer fairen und richtigen Behandlung dieser Frage und berühre ein wichtiges Thema in einer wichtigen Zeit.

Die Leiterin von "Stimmen für Europa", Margareta Stubenrauch, stellte sodann die Publikation und die darin enthaltenen
AutorInnen vor und erläuterte die Intentionen der Herausgeber.
Die Erweiterung der EU sei eine Jahrhundertchance, so die
Rednerin, die kulturelle und politische Spaltung des Kontinents
zu überwinden, das kulturelle Erbe wiederzuentdecken und weiterzuentwickeln. Die Broschüre möge einen Beitrag leisten, die europäische Identität stärken zu helfen, betonte Stubenrauch. Im Anschluss las Kammerschauspielerin Elisabeth Orth aus den vorgelegten Texten.

AUTOREN EINES GRÖSSEREN EUROPA

In der 63 Seiten umfassenden Broschüre sind fünf Autoren und eine Autorin versammelt, die aus der Tschechischen Republik, aus
Ungarn, Polen, Estland und Rumänien stammen. Der Beitrag des polnischen Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz befasst sich überdies mit Litauen, sodaß sechs Beitrittskandidaten in dem Band
vertreten sind.

Eröffnet wird die Publikation mit einer Geschichte der Estin
Maimu Berg, die von einem estnischen Mädchen erzählt, welches einen 30 Jahre älteren russischen Arzt liebt. Berg ist mit "Ich liebte einen Russen" ein Plädoyer für Toleranz und
wechselseitiges Verstehen gelungen, welches perfekt den
Intentionen des vorliegenden Werkes entspricht. Berg, 1945 in Tallinn geboren, arbeitete lange Jahre als Modejournalistin, ehe
sie sich 1987 der Literatur zuwandte. Sie veröffentlichte zwei Romane, blieb aber daneben dem Journalismus treu, so ist sie Redakteurin einer estnischen Pensionistenzeitschrift. Ihr Roman
"Ich liebte einen Russen", dem die abgedruckte Passage entnommen ist, liegt seit 1998 auch auf Deutsch vor.

Mircea Eliades "Auf der Mantuleasa-Straße" befasst sich in der Tradition Kafkas mit der Allmacht von überwachungsstaatlichen Instanzen und der daraus resultierenden Deformation der
menschlichen Gesellschaft. Eliade (1907-1986) studierte nach ausgiebigen Reisen nach Asien in seiner Heimatstadt Bukarest fernöstliche Philosophie und schloss sich Ende der 30er Jahre den rumänischen Faschisten an, weshalb er nach dem Zweiten Weltkrieg
in die USA emigrieren mußte. Dort verschrieb er sich der Religion und wurde mit der Zeit ein Anwalt der Versöhnung zwischen den einzelnen Theologien. Als Belletrist wurde er erst nach seinem
Tod einer breiteren Leserschaft bekannt.

"Richter in eigener Sache" von Ivan Klima spielt in der Zeit nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Der Richter steht vor
dem Problem, einen Doppelmörder gemäss der geltenden Rechtslage zum Tod verurteilen zu müssen, wenngleich er selbst diese barbarische Strafe entschieden ablehnt. Für die Hauptperson der Geschichte wird somit das Spannungsfeld zwischen den Erwartungen
des Systems und der eigenen Meinung zum Gewissenskonflikt. Ivan Klima, 1931 in Prag geboren, war in den 60er Jahren auf dem Weg,
ein gefeierter Dichter in seiner Heimat zu werden, als ihn sein Engagement für den Prager Frühling nach dessen Niederschlagung weiterer Publikationsmöglichkeiten beraubte. Er arbeitete - wie viele Dissidenten in jenen Jahren - als Sanitäter, Laufbursche
und Landvermesser, ehe die "samtene Revolution" Klima auch in Tschechien wieder zum beachteten und gefeierten Dichterfürsten werden ließ, der er im Ausland schon seit den frühen 80er Jahren, vor allem nach seinen Werken "Liebe und Müll" oder "Warten auf
die Dunkelheit", war. Klimas Werke erscheinen auf Deutsch im Zsolnay-Verlag.

Mit feiner Lakonie und hintersinnigem Humor erzählt Sándor Márai in seinen "Bekenntnissen eines Bürgers" von seiner Jugend in Kosice. Márai (1900-1989) zählt zu den literarischen Entdeckungen der letzten Jahre, dessen Werke "Glut", "Die jungen Rebellen" und "Das Vermächtnis der Eszter" stürmisch gefeiert wurden. Seine Arbeiten wurden in 20 Sprachen übersetzt und erscheinen auf
Deutsch im Piper-Verlag.

Czeslaw Milosz (geboren 1911), Nobelpreisträger des Jahres 1980, befasst sich in "Die Strassen von Wilna" ebenfalls mit seinen Jugendjahren, dabei einen Abgesang auf eine Stadt liefernd, die
in ihrer damaligen Form im Zweiten Weltkrieg unterging. Milosz
hatte Rechtswissenschaften studiert und war seit 1936 im
litauischen Radio tätig, ehe man ihn wegen seiner sozialdemokratischen Ansichten mit Berufsverbot belegte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte Milosz als polnischer Kulturattaché in Paris, ehe er sich Ende der 50er Jahre nicht mehr mit der Entwicklung im kommunistischen Polen identifizieren konnte. 1960 emigrierte er in die USA, wo er Literaturprofessor an der Universität Berkeley wurde. Seine Romane erscheinen auf Deutsch
im Hanser-Verlag.

Andrzej Szczypiorski schildert in "Den Schatten fangen" die erste Liebe junger Menschen vor dem Hintergrund des dräuenden Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges. Der junge Krzys liebt Monika und will
sie heiraten, doch im Sommer 1939 können auch die beiden nicht übersehen, dass sie nur noch Schachfiguren im Spiel der Weltgeschichte sind, denen nur die Schatten bleiben. Szczypiorski (1924-2000) wurde im Westen schlagartig mit seinem Roman "Die schöne Frau Seidenman" berühmt, weitere Bestseller wie "Eine
Messe für die Stadt Arras" folgten. Als Jugendlicher hatte er die Barbarei der Nationalsozialisten im besetzten Polen miterlebt, weshalb er sich den kommunistischen Partisanen anschloss. 1944 wirkte er am Warschauer Aufstand aktiv mit, weshalb er bis Kriegsende im KZ Sachsenhausen inhaftiert war. Nach dem Krieg arbeitete er als Journalist, 1955 erschienen seine ersten belletristischen Werke. Sein Engagement für die Gewerkschaft "Solidarnosc" machte ihn 1981 bis 1989 zum Dissidenten, ehe er
für die "Solidarnosc" Abgeordneter im polnischen Parlament wurde. Szczypiorski bemühte sich aktiv um eine Aussöhnung zwischen
Polen, Juden und Deutschen und wurde für sein Wirken mit vielen Preisen - darunter dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur - ausgezeichnet. Seine Werke erscheinen auf Deutsch bei Diogenes.

Weitere Informationen zur Broschüre und den Aktivitäten der Initiative "Stimmen für Europa" gibt es auf der Homepage des Netzwerkes: "http://www.stimmenfuereuropa.at." (Schluss)

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