"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Glasscherben" (Von Peter Nindler)

Ausgabe vom 18. 9. 2002

Innsbruck (OTS) - Das Tiroler Grundverkehrsgesetz ist kein Jahrhundertwurf, sondern ein Jahrtausend-Murks. Kaum zu vollziehen, stehen die Lobbys in der Tiroler ÖVP dafür getreulich Pate - von den mächtigen Bauern bis zur Wirtschaft.

Die Freizeitwohnsitz-Affäre in Kitzbühel basiert auf jenen Gummi-Paragraphen, die der Behörde das Leben schwer machen. Hauptwohnsitz, Mittelpunkt der Lebensinteressen oder Arbeitswohnsitz - alles ist eine Frage der Interpretation. Genau genommen müsste der künftige Landeshauptmann Herwig van Staa in einer seiner ersten Amtshandlungen der Münchner Schauspielerin Uschi Glas den Laufpass geben. Oder wird etwa ein Auge zugedrückt, damit es nicht im deutschen Blätterwald rauscht? Schon 1995, als Bayern-Ikone Franz Beckenbauer eine Villa in Kitzbühel gekauft hatte, wurde das öffentliche Interesse als Hauptargument für die Genehmigung ins Treffen geführt.

Das Tiroler Grundverkehrsgesetz kann geschmiedet und gebogen werden. Das ist seine große Schwäche. Es spricht wirklich nichts dagegen, dass sich Uschi Glas in Kitzbühel eine Wohnung kauft und sich zeitweilig dort niederlässt - außer das Gesetz. Deshalb sollte das Gesetz geändert werden, es sollten nicht Ausnahmen in (Grundverkehrs-) Kommissionen nachträglich legalisiert werden. Dort sitzen nämlich auch die mächtigen Interessenvertreter, die ihren eigenen Prinzipien und Lobbys folgen.

Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder können Wohnungen auch als Freizeitwohnsitze verwendet werden oder nur dann gekauft werden, wenn man sich dort mit Sack und Pack das ganze Jahr häuslich niederlässt. Hier hat das Gesetz Klarheit zu schaffen, nicht die Grundverkehrsbehörden.

Solange aber Gutdünken über die Genehmigung entscheidet oder Wohnsitzdetektive die Sesshaftigkeit erschnüffeln müssen, bleibt das Land Tirol auf seinem Jahrhundert-Murks sitzen.

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