"Die Presse"-Kommentar "Spiel auf Zeit" (VON CHRISTIAN ULTSCH)

Ausgabe vom 18.9.2002

Wien (OTS) - Saddam Hussein hatte nur noch eine Chance, einen Militärschlag der Amerikaner abzuwenden oder zumindest hinauszuzögern. Und diese letzte Chance hat der irakische Staatschef nun ergriffen. Es blieb ihm nichts anders übrig, als einer bedingungslosen Rückkehr der UN-Waffeninspektoren zuzustimmen. Zu groß war der internationale Druck geworden. Als ihn auch seine arabischen "Bruderstaaten" im Stich ließen, war es für Saddam höchst an der Zeit einzulenken. Diesmal dürfte der irakische Diktator die Zeichen der Zeit erkannt haben: Die Waffen-Inspektoren sind sein Schutzschild.
Er hat den Befürwortern einer Militäraktion nun zunächst einmal einigen Wind aus den Segeln genommen. Im Moment würden die Amerikaner auf blankes Unverständnis stoßen, wollten sie trotz des Zugeständnisses Bagdads losschlagen. Das kann sich ändern - wenn der Irak seinen Worten keine Taten folgen läßt.
Saddam Hussein bleibt im Visier der Amerikaner. Daran ließen sie schon wenige Stunden nach der irakischen Erklärung keinen Zweifel. US-Präsident Bush hat es nun einmal zum Ziel erklärt, das Regime in Bagdad zu stürzen. Und davon wird er sich wohl nicht so leicht abbringen lassen, ob Saddam die Waffenkontrollore nun ins Land läßt oder nicht.
Wenn Bush Krieg gegen den Irak führen will, wird er einen Grund dafür finden. Lange wird er vermutlich nicht suchen müssen. Denn daß Saddam Hussein die UN-Inspektoren wirklich völlig ungehindert in seinem Reich herumschnüffeln läßt, ist nach all den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit nicht zu erwarten. Und dann gibt es da ja auch noch andere Bedingungen, die Bush unter Androhung eines Militärschlags gestellt hat: die Einhaltung der Menschenrechte zum Beispiel oder die Einstellung des Ölschmuggels.
Ganz ohne Folgen wird Saddams jüngster Schachzug jedoch nicht bleiben. Er hat die UNO, die Bush zuvor mühsam mobilisiert hatte, wieder auseinanderdividiert. Wichtiger noch: Er hat Zeit gewonnen. Und er wird noch Tricks auspacken, um die Inspektoren möglichst lange hinzuhalten. Genug Zeit, um Bush auszusitzen, wird Saddam aber wohl nicht gewinnen können.

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