"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Haiders neue Wende" (Von Monika Dajc)

Ausgabe vom 6. September 2002

Innsbruck (OTS) - Spieler Haider mit Friedenspfeife wieder am Ausgangspunkt? Verfangen in den für andere ausgelegten Fallstricken? Tage hindurch wurden FPÖ und Koalition von seinen neu erwachten Machtgelüsten durchgerüttelt. Im Halbtagesrhythmus wechselten Ansagen und Standortbestimmungen. Zwischendurch ließ der Mann der kleinen Leute alle Nuancen zwischen Skrupellosigkeit und Zynismus aufblitzen:
Volle Breitseiten gegen die Parteichefin, triviale Anfeindung des Finanzministers.

Die gestern via Welser Bierzelt publik gemachte Einsicht, es sei doch besser, zusammen zu stehen, hat Gründe. Dem Routinier des politischen Puppenspiels unterlief zuletzt eine Reihe von Fehlern und Fehleinschätzungen. Riess-Passer hat - noch nicht zu spät - jene notwendige Stärke ausgespielt, um ihrem Mentor Paroli zu bieten. Es ist ein Teil der bizarren Szenerie, dass Haider trotz aller Querschüsse den Fortbestand der Regierung will: Neuwahlen bei den derzeit miserablen Popularitätsraten der FPÖ könnten der Partei den politisch tödlichen Absturz bringen.

Das große Reformprojekt für Österreich war für Haider nie wirklich ein vorrangiges Anliegen. Es ging zu allererst um persönliche Befriedigung: Ein Kanzler von seinen Gnaden, eine Parteichefin, die auf Zuruf pariert. Er agierte zunehmend aggressiv, als es darum ging, in der Regierungsverantwortung auch Härten und Einschnitte zu rechtfertigen. Die EU-Osterweiterung wurde zum bevorzugten Spielmaterial für Absetzungstendenzen und sie wird es in der entscheidenden Runde vermutlich wieder werden. Ungeniert nahm es Haider zuletzt in Kauf, dass die von ihm ausgelösten politischen Wirrnisse Österreich zum Objekt internationaler Verwunderung gemacht haben. Die ÖVP übt sich derweil in Pyschologie und Artigkeit. Sie kann indes in Selbstachtung der Frage wohl nicht mehr länger ausweichen, ob die Schmerzgrenze nicht längst überschritten ist.

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