"Türkisch lernen - Deutsch lernen, ganz einfach?"

Wien (OTS) - Am 26.8. endete die Frist zur Stellungnahme zum
Entwurf der Verordnung des Bundesministers für Inneres über die Integrationsvereinbarung. Der Verband Wiener Volksbildung (VWV) machte am Mittwoch in einem Pressegespräch und mit einem "Einführungskurs in die türkische Sprache mit Prominenten" auf einige Probleme aufmerksam, die mit dieser Verordnung entstehen. TeilnehmerInnen am Türkischkurs waren: Mag. Thomas Fritz (Fremdsprachenkoordinator des VWV), Gerhild Jagsch (Verein Österreichisch-Türkische Freundschaft), Dr. Michael Ludwig (Vorsitzender des VWV) Eva Amamra-Lukas (Angestellte), Magenta (Andrea Konrad, Künstlerin), Sandra Pires (Sängerin), Willi Resetarits (Obmann des Integrationshauses, Künstler), Günter Tolar (Moderator, SoHo Vorsitzender).

Die Resümees der TeilnehmerInnen nach dem Kurs waren:
Dr. Michael Ludwig (Verband Wiener Volksbildung) erteilte abermals den in der Vorordnung vorgesehenen Sanktionen und Zwangsmaßnahmen eine deutliche Abfuhr. Außerdem sei das vorgegebene Kursziel, nämlich in nur 4500 Minuten eine fremde Sprache, geschweige ein neues Alphabet zu lernen, utopisch.

SoHo Vorsitzender Günter Tolar ergänzte, dass seiner Meinung nach ein Großteil der ÖsterreicherInnen eine - wie in der Verordnung - apostrophierte Prüfung in Staatsbürgerkunde selbst nicht bestehen würden. Tolar bezeichnete die geplanten Maßnahmen als von der Regierung bewusst eingebaute Schikane und Mittel, MigrantInnen loszuwerden.

Andrea "Magenta" Konrad führte an, dass jeder Vertrag für beide Partner Rechte und Pflichten vorsieht. Der vorliegende Entwurf regelt jedoch nur einseitig die Pflichten für MigrantInnen.

Der Vorsitzende des Verbandes Wiener Volksbildung, Dr. Michael Ludwig kritisierte folgende Punkte:

o Utopische Kursziele - Türkisch in 4.500 Minuten?

Das Erreichen des A1-Niveaus in nur 4.500 Minuten orientiert sich an lerngewohnten EuropäerInnen. Menschen aus Kulturen, die sich von europäischen stärker unterscheiden, Menschen mit anderen Schriftsystemen sind benachteiligt. Themen, wie Landes- und Staatsbürgerschaftskunde können von den MigrantInnen mit dem Wissen, das in 4.500 Minuten vermittelt wird, nicht verstanden werden. Diese Bereiche können nur in der Muttersprache vermittelt werden. Der Verband Wiener Volksbildung fordert daher, dass dafür notwendige Konzepte und Materialien ausgearbeitet werden.

o Alphabetisierung - das Schreiben und Lesen bleibt auf der Strecke!

Viele MigrantInnen kommen aus Kulturkreisen mit einem anderen Alphabet. Der Schrifterwerb ist aber oft ein mehrjähriger Prozess, der in Etappen vor sich geht. An Volksschulen haben österreichische Kinder zwei Jahre Zeit, um lesen und schreiben in der Muttersprache zu lernen. Österreich negiert weltweite Trends, so haben in Norwegen MigrantInnen 2000 Stunden Zeit, um Sprache und Schrift zu erwerben. Die Vereinten Nationen werden 2002 die Weltalphabetisierungs-Dekade ausrufen
( http://www.unesco.de/pdf/ua21-02.pdf )

o Frauen - nein danke?

Es sind weder Kinderbetreuung noch eigene Frauenkurse vorgesehen. Frauen sind somit von den Kursen faktisch ausgeschlossen und werden in ihrer Existenz gefährdet. Dr. Michael Ludwig fordert daher, dass in der Verordnung eigene Frauenkurse und Kurse mit Kinderbetreuung verankert werden.

o Kosten - fehlende Mittel als unüberwindbare Hürde

Es wird von einer maximalen Kostenbelastung des Bundes pro Lernenden von 182 Euro (50 % der Kurskosten) für einen Kurs im Ausmaß von 100 Unterrichtseinheiten ausgegangen. Dabei werden die speziellen Einkommensverhältnisse der MigrantInnen nicht berücksichtigt. Viele potentielle KursteilnehmerInnen werden sich auch mit dieser Kostenbeteiligung des Bundes den Kurs nicht leisten können. Großfamilien sind demnach von vornherein benachteiligt.

Der Vorsitzende des Verbandes Wiener Volksbildung, Dr. Michael Ludwig, weist hin auf den Unterschied der angekündigten Maßnahmen des Bundes und die bereits seit Jahren erfolgreichen Maßnahmen der Stadt Wien im Rahmen der Sprachoffensive: Seit 1998 haben 12.300 Menschen 841 Kurse im Rahmen der Sprachoffensive (SPROFF) besucht. Das umfassende Angebot reicht von der Alphabetisierung bis hin zu Fachsprachkursen. Für einen von der Stadt Wien geförderten SPROFF-Kurs zahlen die TeilnehmerInnen zw. 30 und 45 Euro für 60 Unterrichtseinheiten, das sind 20 % der Vollkosten. Die Nachfrage nach diesen Kursen übersteigt das Kursangebot bei weitem.

Michael Ludwig weiter: "Pro Jahr besuchen ca. 9.000 MigrantInnen Deutschkurse an den Wiener Volkshochschulen. Das beweist ihr starkes Interesse und ihr großes Bedürfnis, Deutsch zu lernen. Sanktionen sind kein geeignetes Mittel, um eine Sprache zu erlernen." Die Deutschkurse und Kurse, die im Rahmen der SPROFF von den Wiener Volkshochschulen angeboten werden, sind an die unterschiedlichen Vorkenntnisse und Bedürfnisse der KursteilnehmerInnen ausgerichtet. Man darf nicht vergessen, dass MigrantInnen nicht nur unterschiedliche Voraussetzungen in Bezug auf Sprachkenntnisse in Deutsch mitbringen, sie haben auch unterschiedliche Bildungsniveaus, berufliche Erfahrungen, kulturelle Hintergründe, verschiedene Lebenssituationen und Rahmenbedingungen in Österreich. An den Volkshochschulen gibt es Deutschkurse für alle Niveaus, mit unterschiedlicher Intensität des Lernens, Kurse mit Kinderbetreuung, mit Schwerpunktsetzung, Kurse für die berufliche Qualifikation und Alphabetisierungskurse. Ausführliche Lernberatung vor Beginn eines Kurses und Tipps für den weiteren Lernweg und die Lernkarriere sind eine Selbstverständlichkeit.

Die Wiener Volkshochschulen haben bereits seit vielen Jahrzehnten ausgezeichnete Qualitätsstandards im Bereich Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache und orientieren ihre Nachweis-und Zertifizierungssysteme an anerkannten europäischen Standards wie z. B. dem Sprachenportfolio oder dem Österreichischen Sprachendiplom. Außerdem bietet der Verband Wiener Volksbildung seit vielen Jahren den Fremdsprachenlehrgang an, der für eine hohe Qualifikation der KursleiterInnen sorgt. Im Herbst läuft an der VHS Ottakring ein Ausbildungslehrgang zu "Alphabetisierung und Deutsch mit MigrantInnen", der bereits fast ausgebucht ist.

Allgemeine Informationen:

o Wiener Volkshochschulen: http://www.vhs.at/
(Schluss) vhs

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