Klestil/Welser Messe

S P E R R F R I S T 4.September 2002 11.00 Uhr

Es gilt das gesprochene Wort

Rede von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil anläßlich der Eröffnung der "Welser Messe", 4. September 2002

Verehrte Festgäste!

Es ist das zweite Mal innerhalb weniger Wochen, dass ich hier in Oberösterreich bin, und ich sage ganz offen, dass mich die Bilder, die ich in den Überschwemmungsgebieten gesehen habe, nach wie vor innerlich sehr betroffen machen. Aber gerade deshalb möchte ich allen Oberösterreicherinnen und Oberösterreichern neuerlich Mut zusprechen, ihnen noch einmal versichern, dass sie nicht in Stich gelassen werden. Der Zusammenhalt, der emotionelle und der finanzielle, werden weiter bestehen. Die Gefühle und die Gedanken zahlloser Landsleute sind bei Euch. Und wir werden gemeinsam in die Zukunft gehen.

Dafür ist gerade jetzt die Welser Messe ein geeignetes Zeichen, signalisiert sie doch seit vielen Jahren den wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Erfolg unseres Landes. Und dieser Erfolg wird wieder einsetzen, weil wir zusammenhalten.
Diese Naturkatastrophe stellt uns aber auch vor neue Aufgaben und Herausforderungen:

Wir alle müssen Umwelt- und Naturschutz ernster nehmen als bisher. Wenn wir den Umgang mit der Natur in altgewohnter Weise fortsetzen, werden wir in Zukunft mit noch größeren Naturkatastrophen zu rechnen haben, was uns Klimaforscher schon seit einiger Zeit vorhersagen. Der Ausbau des Hochwasserschutzes, die überregionale Raumordnung sowie Katastrophenhilfe müssen in Österreich als auch im Rahmen der Europäischen Union auf neue Grundlagen gestellt werden.

Es muss auch eine entsprechende vorausblickende Vorsorge im Staatshaushalt getroffen werden, um Opfern von künftigen Naturkatastrophen rasch und unbürokratisch zu helfen. Es kann doch nicht sein, dass die jeweilige Budgetlage das Ausmaß der Katastrophenhilfe bestimmt oder der Eindruck vermittelt wird, dass es die Katastrophenhilfe ist, die die Budgetsituation aus dem Gleichgewicht bringt. Durch eine solide budgetäre Katastrophenvorsorge muss dies in Zukunft vermieden werden. In einer für unser ganzes Land schwierigen Situation, müssen wir alle zusammenhelfen, ohne parteipolitischen Zank und Streit, denn dafür haben die leidgeprüften Menschen bei Gott kein Verständnis.

Meine Damen und Herren!

Die Zukunft des Bauernstandes ist keineswegs nur ein Thema für Standes- oder Interessenspolitik. Vielmehr sind - insgesamt - Staat und Gesellschaft gefordert, eine Antwort auf fundamentale Fragen zu finden - nämlich, welche Aufgaben unsere Bauern für die Zukunft Österreichs erfüllen - und welche Funktion sie in einem zusammenwachsenden Europa haben sollen:
Sollen unsere Bauern nur nüchtern kalkulierende Produzenten agrarischer Produkte sein - oder jene Lebenswelt bewahren, in der sich in gewissem Sinn das Österreichische spiegelt?
Geht es nur um die Erhaltung bäuerlicher Arbeitsplätze - oder auch um die Erhaltung einer großartigen Kulturlandschaft für uns und für die kommenden Generationen?
Steht nur der höhere Preis bei der Erzeugung von Bio-Produkten im Vordergrund- oder leistet unsere Bauernschaft nicht auf lange Sicht damit einen entscheidenden Beitrag zur Volksgesundheit?
Und was bedeutet das bäuerliche Leben für die Lebensqualität der Menschen im ländlichen Raum, für Geselligkeit und Freizeit - und nicht zuletzt auch für den Tourismus?

Ich spreche das an, weil das Österreichische zwischen Alpen und Donauraum starke bäuerliche Wurzeln hat und wir unser nationales Selbstverständnis zu einem guten Teil aus der bäuerlichen Kultur unserer Vorfahren herleiten. Was wäre unsere Volksmusik, unsere heimische Dichtung oder das Kunsthandwerk ohne diese Traditionen? Mit Recht können wir daher stolz darauf sein, dass wir einen einzigartigen Schatz besitzen, der das gute Österreichische auch unverwechselbar macht.

Nun gibt es Regionen in der Welt, in denen die Bauern verschwunden, die Böden verrottet und die Wälder gestorben sind. Vornehmlich in der Dritten Welt erleben wir überdies immer wieder soziale Erschütterungen, die neben der Klimaänderung auch das Ergebnis einer falschen Agrarpolitik sind.

Alles das ist mit zu bedenken, wenn es in den nächsten Wochen um eine Weichenstellung geht - sowohl für unsere Landwirtschaft wie für die Erweiterung der Europäischen Union. Österreichs Mitarbeit wird dabei von Bedeutung sein; wobei es meine Überzeugung ist, dass wir auf rasche Entscheidungen in Brüssel dringen sollten:

Erstens muss die Verunsicherung unserer Bauern rasch beendet werden; sie müssen auf längere Sicht planen können;
im Interesse der EU muss es liegen, dass es lebensfähige ländliche Regionen in Europa gibt - und zwar in West wie in Ost;
für die europäischen Gesellschaften ist es wichtig, dass die bäuerlichen Familienstrukturen erhalten bleiben; und überall müssen die Jungbauern wissen, warum sie sich für die Landwirtschaft entscheiden sollen;
schließlich muss zwischen Bauern und Konsumenten Einigkeit darüber bestehen, dass nur gesunde und hochwertige Produkte auf die Märkte kommen.

Meine Damen und Herren!

Lassen Sie mich noch einmal auf das schreckliche Ereignis dieses Sommers zurückkommen. Denn das Jahrhunderthochwasser hat in der Tat vor allem viele Bauern heimgesucht. Allein der Ernteschaden wurde vorläufig auf über 30 Millionen Euro geschätzt. Die Anteilnahme der Öffentlichkeit war beachtlich, und die Österreicher haben aufs Neue bewiesen, dass sie ein weites Herz haben.

Ich möchte daher auch von hier aus nochmals ein Wort des Dankes sagen - im Namen der Republik und im eigenen Namen: den Einsatzkräften, die bei der Beseitigung der Schäden Großartiges geleistet haben - ganz besonders den Freiwilligen Feuerwehren, dem Roten Kreuz, den anderen Hilfsdiensten - sowie den Angehörigen des Österreichischen Bundesheeres.
Mein Dank gilt überdies den vielen idealistischen Helfern, die ihren Urlaub mit der Schaufel in der Hand in den Katastrophengebieten verbracht haben; und den unzähligen Spendern, die so vielfältige Zeichen der Solidarität gesetzt haben.

Das sollte uns bei aller Betroffenheit über die Gewalt der Natur optimistisch stimmen. Denn es zeigt ein hohes Maß an Gemeinschaftsgefühl, das in unserem Land vorhanden ist; und das es auch in der Landwirtschaftspolitik zu mobilisieren gilt. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass es zwischen Stadt und Land, Konsumenten und Bauern sehr viele gleichgerichtete Interessen gibt, die wir zusammenführen müssen.

Nicht zuletzt dafür ist auch die Welser Messe gerade jetzt ein Beweis, spricht sie doch längst auch viele Menschen aus den nicht-bäuerlichen Bereichen an - und ist zugleich auch Europas größte Landwirtschaftsschau.

Ich gratuliere daher allen, die im Management dieser Messe mitwirken - aber zugleich auch der Stadt Wels und dem Land Oberösterreich. In diesem Sinne erkläre ich die Welser Messe 2002 für eröffnet!

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