"Die Presse" Kommentar:"Wissend unwissend" (von Franz Schellhorn)

Ausgabe vom 30.8.2002

Wien (OTS) - Die Ausgangslage ist bedrückend. Die Umwelt scheint verrückt zu spielen, ganze Landstriche verschwinden nach sintflutartigen Regengüssen im Nichts und mit ihnen die Existenzen Tausender Menschen. Sind wir es nun selbst, die dem Wetter die Kraft geben, wenn es zuschlägt, oder sind wir vielmehr dessen Opfer? Eine Frage, mit der sich auch der Johannesburger UN-Gipfel dieser Tage beschäftigt.
Die Crux liegt darin, daß wir zu wissen glauben, wie die Umwelt funktioniert. Ein Irrtum. So klingt die Gleichung mehr Kohlendioxid ist gleich mehr Erwärmung und weniger CO2-Ausstoß ist gleich Abkühlung zwar plausibel, ist wissenschaftlich aber umstritten. Die Kluft zwischen Glauben und Wissen ist spätestens seit dem Zeitpunkt eine unübersehbare, seit der Ex-Greenpeace-Jünger Bjørn Lomborg seinen früheren Weggefährten statistisch eindeutige Daten um die Ohren knallte und deren Untergangsszenarien regelrecht pulverisierte.

Der Däne läßt dabei das Herz all jener höher schlagen, die seit jeher den Apokalypsen der Umweltschützer mißtrauten. Aber selbst diese (zu recht) Skeptischen werden sich mehr über die Bestätigung eigener Zweifel freuen als über die Sicherheit, nun zu wissen, was wahr und falsch ist. Diese Sicherheit gibt es einfach nicht.
Das heißt aber nicht, daß wir gar nichts wissen. Wir wissen, daß der Treibhauseffekt existiert, der oberste Klima-Feind Kohle heißt und sich die Schäden durch Unwetter im vergangenen Jahrzehnt im Schnitt verdreifacht haben. Bekannt ist auch, daß die vielen Klima-Runden bislang in erster Linie für viel heiße Luft gesorgt haben. Gleiches scheint für Johannesburg zu gelten. Britische Umweltschützer rechnen vor, daß die 60.000 nach Südafrika enteilten Diskutanten mit Flug und Aufenthalt 290.000 Tonnen CO2 in die Luft jagen. Eine Menge, die dem Ausstoß von 90.000 Autos im Jahr entspricht.
Selbst, wenn es nun zu neuen Vereinbarungen kommt _ etwa die Vereinbarung, längst beschlossene Vereinbarungen umzusetzen _ sind wir nicht aller Sorgen entledigt. Wird etwa das hochgesteckte Kyoto-Protokoll realisiert, verschiebt sich dem Klimaforscher Tom Wigley zufolge der für 2094 erwartete Temperaturanstieg lediglich um sechs Jahre.
Gespenstisch wird es spätestens dann, wenn die Klima-Debatte auf die Frage nach der Nutzung der Kernkraft zusteuert. Umweltaktivisten sehen beides für machbar: CO2-Reduktion und Atomausstieg. Das Zauberwort heißt Erneuerbare Energieträger (wie Wind, Sonne, Biomasse). Naiv? Ja, solange offen bleibt, wie es diese sündteuren Energiespender schaffen sollen, mittelfristig die sieben Mal größere, günstigere, ebenfalls CO2-arme Kernkraft abzulösen.
Schließlich brauchten die neuen Energieträger mehr als ein Vierteljahrhundert, um gerade einmal ein Prozent des globalen Energiebedarfs zu decken. Das seriöse Wuppertaler Institut für Umwelt, Klima und Energie hält einen kurzfristigen Atomausstieg mit der Erreichung der Klima-Ziele auch für inkompatibel.
Jeder, der an der Lage etwas ändern will, muß wissen, daß er eine unbequeme Wahl zu treffen hat: Energiesparen heißt persönliche Einschränkung, der Umstieg auf über den Marktpreisen produzierte Erneuerbare Energie ist teuer, der Wechsel von Erdöl und Kohle auf Erdgas führt zu einer extremen Abhängigkeit Europas von Rußland. Und ein aus dem isolierten Blickwinkel des Klimaschutzes vertretbarer Ausbau der Kernkraft ist ein Weg, der wieder diskutiert werden wird. Nichtstun ist jedenfalls keine Lösung. Was bleibt ist die Erkenntnis, daß jeder Schritt in Richtung besseres Klima mit persönlichem Verzicht und hohen Kosten verbunden ist. Der Zeitpunkt, von anderen zu verlangen, was wir selbst nicht bereit sind zu tun, ist jedenfalls längst vorbei. Das gilt vor allem für die USA.

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