Podiumsdiskussion: "Anforderungen an eine europäische Verkehrspolitik"

Im Rahmen der Alpbacher Wirtschaftsgespräche diskutierte gestern eine hochrangig besetzte Runde über Versäumnisse und Perspektiven der europäischen Verkehrspolitik

Wien (PWK618) Am ersten Tag der Wirtschaftsgespräche beim Europäischen Forum in Alpbach, welche sich in diesem Jahr der Thematik "Verkehr - Infrastruktur - Nachhaltigkeit" widmen, diskutierte eine prominent besetzte Runde über die Anforderungen an eine künftige europäische Verkehrspolitik.

Leo von Wijk, CEO von KLM, sprach in seinen Ausführungen die nicht befriedigende Situation in der europäischen Luftfahrt an. "Viele Fluglinien haben 2001 große Verluste gemacht. Allgemein ist die Luftverkehrsbranche momentan in keinem guten Zustand - mit Ausnahme der Billigfluglinien, welche aber in einem besonderen Umfeld agieren."
Wijk macht dafür einerseits die Ereignisse des 11. September 2001 verantwortlich, andererseits auch die allgemein schlechte Wirtschaftslage. Allerdings dürfe man sich zukünftig nicht immer auf diese beiden Faktoren berufen, so Wijk weiter, denn "um die Situation zu verbessern, wird sicherlich das Umfeld der internationalen Aufsichtsbehörden neu gestaltet werden müssen." Die Fusion von Fluglinien und die Übernahme von Marktsegmenten durch Billigfluglinien erscheinen Wijk nicht als geeignete Lösungsansätze in dieser Frage.

Ein weiteres Problem sieht Wijk in der Wertschöpfungskette: "Nicht alle Akteure der Wertschöpfungskette spielen nach den gleichen Regeln. Es gibt nach wie vor Monopolbetriebe wie z.B. Flughäfen, Flugzeughersteller etc., aber auch viele Dienste wie z.B. die Fluglotsen, die in manchen Ländern noch staatliche Unternehmen sind. Solange sich diesbezüglich nichts ändert, wird es noch lange dauern, bis eine befriedigende Situation für alle Beteiligten herbeigeführt werden kann."
Als weitere Lösungsansätze führt Wijk abschließend noch folgende Punkte an:

Neue Luftfahrtpolitik - zu staatlichen Fluglinien zurückzukehren ist kein Lösungsansatz
Fluglinien müssen Einnahmen- und Kostenstrukturen überdenken. In manchen Bereichen zeigen die Billiglinien bereits jetzt, wo man sparen kann
Preisstrukturen gehören transparenter gestaltet
Die Flugverkehrsbranche ist eine Dienstleistungsbranche und muss daher noch stärker auf die Bedürfnisse der Kunden reagieren Zukünftige Prozesse müssen nach modernen und nachhaltigen Gesichtspunkten gestalten werden

Dick van den Broek vom "European Shipper Council" (ESC) ging in seinem Vortrag auf die Vor- und Nachteile des Weißbuchs der europäischen Kommission über die Entwicklung des europäischen Verkehrswesens ein: "Obwohl es sich bei diesem Buch durchaus um ein wichtiges Dokument und um einen ersten Schritt in die richtige Richtung handelt, so hat es doch auch seine Schwächen." Eine dieser Schwächen sieht van den Broek darin, dass alle anderen Verkehrsmittel gegenüber der Straße bevorzugt werden. Als positiv wertet van den Broek hingegen die Bemühungen des Weißbuches, welche den Schienenverkehr für die Wirtschaft attraktiver gestalten und eine bessere Logistik als auch bessere technische Systeme garantieren sollen.

Ein weiteres Problem sieht Horst Pöchhacker von der Porr AG in der generell unzureichenden Infrastruktur. Er fordert daher zukünftig folgende Veränderungen:
Staaten dürfen sich aus der Eigentümerrolle bei Fragen der Verkehrsinfrastruktur nicht zurückziehen
Zukünftig muss staaten- und verkehrsträgerübergreifend gehandelt werden
Eine technische Vereinheitlichung der Standards

"Zunehmende Mobilität fordert Aktivitäten", lautete die Kernaussage von Brigitte Ederer von der Siemens AG. "Dem wachsenden Markt der Telematik gehört diesbezüglich die Zukunft, wobei man allerdings nicht außer acht lassen darf, dass die Telematik nur helfen kann den Verkehrsfluß und die Sicherheit zu verbessern. Die Probleme der Infrastrukur wird sie sicher nicht lösen können", so Ederer. Konkret führt Ederer fünf Punkte an, wo die Telematik künftig eingesetzt werden könnte:

Infrastruktur (Bereich Schiene / Straße)
Im Fahrzeug
Maut
Road Management

Brigitte Kroll-Thaler von der Opel Austria GmbH sieht in der Telematik ebenfalls einen wichtigen Faktor für Entwicklungen am Automobilsektor. Aber auch ökologische Aspekte werden diesbezüglich eine wichtige Rolle spielen. "Wir haben uns verpflichtet, bis 2008 die CO2 Werte um 25% zu senken. Dies soll unter anderem durch alternative Treibstoffe, wie z.B. Erdgas, Biogas oder Brennstoffzellen erreicht werden. Allerdings gibt es diesbezüglich noch viel zu tun." Konkret spricht Kroll-Thaler in dieser Frage folgendes Problem an: "Eine Revolution bei den Fahrzeugen lässt sich nur in Zusammenarbeit mit anderen Bereichen durchführen. Es handelt sich dabei um eine globale Entwicklung mit globalen Partnern. Wir brauchen aber auch die Politik als Partner, die uns die nötigen Rahmenbedingungen schaffen muss, um so gewährleisten zu können, dass diese Entwicklungen einerseits überhaupt möglich werden und sich andererseits unsere Bemühungen und Investitionen auch rentieren."

Kritik übte Friedrich Macher von der Bundesvereinigung Logistik Österreich:
" Es gibt viele Versäumnisse in der Verkehrs- bzw. Infrastrukturpolitik. Wir haben all unsere Hoffnungen auf Verbesserungen in das neu gegründete Infrastrukturministerium gesetzt. Allerdings ist diesbezüglich noch nicht wirklich viel passiert." Abschließend wies Macher noch auf die speziellen Bedürfnisse der Logistik in dieser Problematik hin:
Die Logistik benötigt Stärken und die Kooperationsfähigkeit aller Verkehrsträger
Die freie Wahl des Verkehrsträgers durch den Verkehrsnutzer muss gesichert sein
Das Prinzip Nachhaltigkeit ist auch in der Verkehrspolitik umzusetzen Die Liberalisierung aller Verkehrssysteme ist sicherzustellen
Die Verkehrsinfrastruktur stellt neben der Informatik die zentrale Komponente im Bereich der Logistiksuprastruktur dar

Alle Vorträge können Sie ab morgen in vollem Umfang via WEB-TV auf wko.at abrufen!

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Wirtschaftskammer Österreich
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Tel.: 01/50105/4559

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