Ärztekammer und Caritas fordern Ausbau der Palliativmedizin (1. Teil)

Immer weniger pflegende Angehörige - Für flächendeckende Hospizbetreuung fehlen Betten und personelle Ressourcen

Wien (OTS) - Österreich benötigt aufgrund der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung einen massiven Ausbau der Infrastruktur im Gesundheits- und Pflegebereich für hochbetagte Menschen. Verschärft wird das Problem noch durch den Umstand, daß sich der Prozentsatz der im Familienverband betreuten und gepflegten älteren Menschen aufgrund sinkender Kinderzahlen, steigender Scheidungshäufigkeit und größerer räumlicher Mobilität drastisch verringern wird. Darauf wiesen Experten der Ärztekammer und der Caritas heute, Donnerstag, im Rahmen einer Pressekonferenz hin.****

Heutzutage sterben mehr als drei Viertel aller Menschen in Pflegeheimen, Altersinstitutionen oder Krankenhäusern. In den Städten sind es sogar mehr als 90 Prozent. "Der Tod findet außerhalb der Familie statt, anonym und alleine. Die Gesellschaft verdrängt ihn", betonte dazu der Referent für Ethik und Hospiz der Ärztekammer für Wien, Dr. Bernhard Breindl. Der Tod werde mit Einsamkeit und Abgeschiedenheit in Verbindung gebracht. "Das Gegenteil sollte aber der Fall sein.". Dies versuche die Hospizbewegung in ihrer Arbeit umzusetzen, "aber leicht ist es derzeit nicht: Es fehlt an Betten, personellen Ressourcen, aber auch am Verständnis der Gesellschaft, insbesondere der Politik", so Breindl.

Zum Vergleich: 1920 starben noch mehr als 80 Prozent der Menschen in den eigenen vier Wänden. Seit damals steigt die Anzahl der Krankenhausbetten kontinuierlich an: Zwischen 1920 und 2000 hat sich die Anzahl der Krankenhausbetten in Österreich versiebenfacht.

Die Betreuung in der letzten Lebensphase erfordere ein besonderes Einfühlungsvermögen von Ärzten und Pflegepersonal gleichermaßen. Breindl: "Vor allem die Kommunikation mit den Patienten ist von besonderer Bedeutung. Gefordert ist die Kooperation aller Beteiligten, denn die Versorgung schwerkranker Menschen bedeutet eine Abkehr vom Dogma der Reparaturmedizin hin zu einer patienten- und bedürfnisorientierten lindernden Zuwendungsmedizin." Medizin, die sich den Menschen verstärkt zuwende, erforderte aber Zeit, Qualität, Einfühlungsvermögen und finanzielle Ressourcen, die derzeit zu wenig zur Verfügung gestellt würden, kritisiert Breindl.

Verbesserung der Lebensqualität

Im Hospiz werden das Umfeld des Sterbenden und seine Angehörigen in den Mittelpunkt gerückt. Das sei ein grundlegender Unterschied zur "üblichen" Medizin, betonte dazu auch der Leiter des Mobilen Caritas Hospiz und Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft, Dr. Franz Zdrahal. Dabei gehe es um die Qualität des ausgehenden Lebens für alle.

Zdrahal: "Palliativmedizinische Leistungen (Palliativmedizin = lindernde Medizin, Anm.) sehen den Menschen, also den Patienten und seine Angehörigen, als Mittelpunkt eines Kreises, um den herum ein gut vernetztes multidisziplinäres Team aller Gesundheits- und Sozialberufe wie auch des seelsorgerischen Bereichs steht." Mitglieder dieses Teams, im Idealfall eng miteinander vernetzt, seien die Familie und Freunde im weitesten Sinne, Hausärzte, Spitalsabteilungen, Angehörige von mobilen Diensten, Hospiz- oder Palliativ-Support-Teams mit ihren ehrenamtlichen Mitarbeitern, Tageseinrichtungen wie etwa Tageshospize, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten, Ergo- und andere Therapeuten sowie Sozialarbeiter.

Dabei gehe es nicht darum, die schwer geprüften Familien mit all diesen Diensten "zwangszubeglücken". Wichtig sei vielmehr, umfassende Begleitung anzubieten. Kranke und Familien könnten sich dann jener Komponenten bedienen, die sie im Moment am nötigsten bräuchten. Zdrahal: "Ich bin überzeugt, daß die hiefür ausgegebenen Geldmittel gut angelegt sind." Es gehe in erster Linie darum, die Lebensqualität schwerstkranker Menschen zu verbessern, also im besonderen Schmerzen zu lindern beziehungsweise die Angst davor zu nehmen und den Sterbenden und seine Familie in jeder möglichen Form zu unterstützen.

Ganzheitliche Betreuung

Die Caritas arbeitet seit mehr als zehn Jahren im Bereich Hospiz. Im Mobilen Hospiz in Wien und in der Hospizinitiative NÖ sind derzeit ungefähr 140 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter darum bemüht, daß Leben bis zuletzt in Würde möglich ist. Die Caritas war eine der ersten, die sich für dieses Thema engagiert hat und betreut mittlerweile in Wien jeden zweiten Hospizpatienten.

Die ganzheitliche Betreuung, die auch viel Zeit für Gespräche voraussetzt, wird gerade im Blick auf die steigende Zahl der Single-Haushalte noch wichtiger werden. Single-Haushalte sind auch einer der Gründe dafür, warum der Bedarf an Pflegeplätzen in Heimen immer größer wird. Deshalb begann im heurigen Sommer nach längerer Vorbereitungszeit in einem der Caritas Pflegeheime das Projekt "Hospizidee in die Heime".

Zdrahal: "Wir waren im Mobilen Caritas Hospiz von Anfang an bemüht, integrativ zu wirken und zu vernetzen, was auch gut gelungen ist, nicht zuletzt dank der Zusammenarbeit mit vielen Klinikern, anderen Spitalsärzten und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten." So sei es heute möglich, neben dem mobilen Team in Wien in jeder Region in Niederösterreich zumindest eine ausgebildete Palliativ-Fachkraft zu haben, sagte Zdrahal. (hpp)

(Forts.)

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