"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Wohl eine Zumutung" (Von Monika Dajc)

Ausgabe vom 29. August 2002

Innsbruck (OTS) - Das Interesse des Publikums weicht zunehmendem Entsetzen. Pro Tag eine Wendung im FPÖ-Machtkampf. Der vorübergehenden Entspannung wird aller Voraussicht nach nächsten Dienstag ein weiterer Höhe- und Tiefpunkt folgen. Österreich als Western Saloon einer Partei, die mit dem Anspruch in die Regierung gekommen ist, das Land in eine bessere Zukunft zu führen?

Haiders Attacken als Folge sinkender Popularität der Partei und erneut erwachter Machtgelüste hat viele notorische Schwächen der FPÖ mit Brisanz deutlich gemacht: Bis zur Willfährigkeit reichende Loyalität vieler Funktionäre gegenüber dem bisherigen Zugpferd Haider; wer sich vom Altobmann emanzipiert, ob Riess-Passer oder erneut Karl-Heinz Grasser, muss Rache gewärtigen; mangelnde Diskussions- und Konfliktkultur. Symptomatisch: Das Nicht-Parteimitglied Böhmdorfer unternahm den Versuch, das einfache Parteimitglied Haider umzustimmen.

Die ÖVP hat beim Machterhalt keine Alternative. Im akuten Bangen um die Lebensfähigkeit der Koalition konzentriert sich die Parteispitze auf mantrahaftes Rezitieren des Wunsches, die Vizekanzlerin und FPÖ-Chefin möge stark sein und diese Prüfung bestehen. Schüssel und Co. sind offenbar bescheiden oder einfach realistisch geworden.

Streit in der FPÖ belastet seit Monaten das Regieren und hat offenbar auch schon bei der Kanzlerpartei für Verwirrung in manchen Köpfen gesorgt. Anders kann man es kaum interpretieren, wenn ein ÖVP-Landeshauptmann argumentiert, er lehne eine Volksbefragung über den Termin der Steuerreform ab, wenn es aber nicht anders gehe, Haider zu zeigen, dass er sich verrannt hat, dann sei er dafür. Eine Millionen Euro teure Aktion als Stützunterricht der Republik für einen exzentrischen Politiker? Die Fleißigen und Ehrlichen im Land dürfen sich wieder einmal verwundert die Augen reiben.

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