Oberösterreichische Nachrichten Kommentar 28. August 2002 "Haiders irre Spekulation" von Gerald Mandlbauer

Und wenn die Partei ihm nicht mehr gehört, soll sie eben untergehen. Jörg Haider riskiert, ehe seine Partei ganz in die Hände anderer fällt, sie in einem letzten Machtkampf, einem Spiel va banque eben, zu zertrümmern und die ganze Wenderegierung, die er maßgeblich mitgezimmert hat, gleich mit.
Ist es tatsächlich persönliche Perspektivenlosigkeit, die ihn zu diesem höchsten aller Einsätze treibt? Haider steht mit 52, jung noch, am Ende eines beruflichen Weges B er hat seine Meisterjahre hinter sich gebracht.
Seine Aussichten sind begrenzt. In Kärnten, wenn er nicht bei der nächsten Wahl die Absolute erreicht, ist er Landeshauptmann gewesen. Nur seine blinden Gefolgsleute könnten sich Haider weiterhin in einem Regierungsamt vorstellen. Die im System Haider groß geworden sind, wissen, dass sie ohne ihn nichts sein werden. Also bleiben sie an Haider gekettet und nähmen es dafür sogar in Kauf, Österreich der Achterbahn der Haiderschen Gefühlswelt auszusetzen.
Europa als Haiders neue Arena? Das ist ein zu wenig überschaubares Terrain für einen Populisten, der daheim nach Anerkennung und Gefolgschaft giert.
Bleibt also nur der Weg zurück an die Parteispitze um im Geschäft zu bleiben. Mit dem Verlangen nach einem Steuerreform-Volksbegehren strebt Haider dorthin zurück, ohne Wenn und Aber, ohne Ausweg. Er riskiert den Gesichtsverlust. Versagt ihm seine Gesinnungsgemeinschaft die Gefolgschaft, wäre seine Führungsrolle zunichte gemacht.
Bleibt Haider der Sieger, ist das Wendeprojekt tot. Haider scheint bereit, diesen Preis zu zahlen und bestätigt damit, dass es ihm nie um den Wechsel im Land, sondern immer um ihn selbst gegangen ist. Nicht Riess-Passer ist Haiders eigentlicher Widerpart. Haider zielt auf den Finanzminister, der ihm als Reinkarnation eines jüngeren, feschen, beim Volk populären Haiders erscheinen muss, der noch dazu ohne dessen Ausritte als in hohen Funktionen einsetzbar gilt.

Um die Reputation dieses Konkurrenten zu zerstören, eignet sich nichts besser als der Ruf nach einer Steuerreform. Eine solche würde die Finanzlage der Republik verschlechtern und damit den Finanzminister als einen Versager dastehen lassen. Nicht dass Haider jetzt der ausschließlich Böse, Grasser der Gute in diesem Szenario ist. Auch Grasser liebt den billigen Effekt. Er hat, um seiner Popularität willen, die Finanztöpfe des Landes geleert, die Steuerschraube in neue Höhen gedreht und muss jetzt, angesichts des Konjunkturabschwungs, erkennen, dass er sich damit jedweden Spielraums beraubt hat.
Haider will durch ein Volksbegehren das Volk in dieser innerparteilichen Auseinandersetzung zum Richter machen. Dass er damit ein Instrument direkter Mitbestimmung, also die Demokratie, missbraucht, ist Haider egal. Sein Schluss liegt nahe. Viele Stimmen für eine Steuerreform, für die es auch eine Reihe guter Gründe gibt, zählten als viele Stimmen für Haider. Wenn er sich nur dabei nicht irrt. Es muss doch der Moment kommen, in dem alle sein Spiel durchschauen.

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