DER STANDARD-Kommentar: "Der verlorene Geist von Rio: Auf dem Umweltgipfel geht es mehr um Schuldzuweisungen als um Lösungen" (von Eric Frey) - Erscheinungstag 23.8.2002

Wien (OTS) - Aids-Epidemie, getrübte Weltkonjunktur, ein desinteressierter US-Präsident und zuletzt auch die Klimakapriolen in Europa und Asien - der Umweltgipfel von Johannesburg steht unter keinem guten Stern. Aktivisten schieben die Schuld an allem Elend in der Welt den reichen Ländern, multinationalen Konzernen und der Globalisierung an sich zu. Diese wiederum verweisen auf die selbst gemachten Missstände in vielen armen Ländern, etwa im benachbarten Simbabwe.

Von der Aufbruchsstimmung, die vor zehn Jahren auf dem Weltgipfel von Rio zu spüren war, ist nicht viel übrig geblieben. Im Zuge des Zusammenbruchs des Kommunismus entstand damals ein weltweiter Konsens, dass sich unter dem Schirm des siegreichen Kapitalismus Freiheit, Wirtschaftswachstum, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz vereinbaren lassen. "Nachhaltige Entwicklung" wurde zum Schlagwort, das bis heute wirkt.

Der Optimismus von damals ist verflogen: Die Finanzkrisen in Asien und Lateinamerika zeigten die Grenzen des Kapitalismus auf, weltweit machten Globalisierungsgegner mobil, die USA entzogen sich allen internationalen Verpflichtungen, und die EU ist zunehmend mit sich selbst beschäftigt.

Doch für die Grundsätze, die in Rio erstmals allgemeine Akzeptanz fanden, gibt es keinen Ersatz: Die globalen Umwelt- und Entwicklungsprobleme betreffen alle. Doch die Konsequenz ist nicht ein Nullsummenspiel, bei dem zu knappe Rohstoffe, Nahrung und Wohlstand anders verteilt werden. Die Probleme der Welt können am besten durch einen intelligenteren Einsatz der bestehenden Ressourcen gelöst werden, von dem alle profitieren.

Ein solches Szenario lässt sich nur in einer gut geregelten Marktwirtschaft verwirklichen, in Zusammenarbeit von Kleinbetrieben, Großkonzernen und einer halbwegs effizienten Verwaltung. Marktwirtschaft gebiert den technischen Fortschritt, der erst ein Wirtschaftswachstum ohne rücksichtslose Ausbeutung der Natur ermöglicht. Je rascher die Weltbevölkerung wächst und der Klimawandel den benutzbaren Raum verringert, umso weniger kann sich die Menschheit die Verschwendung von Ressourcen leisten.

Deshalb ist die Fundamentalopposition gegen die Globalisierung, die rund um den Umweltgipfel wieder ertönt, so kontraproduktiv. Nehmen wir den Freihandel: Nicht die Öffnung der Märkte behindert die nachhaltige Entwicklung, sondern Handelsbarrieren. Deshalb fordert die Weltbank in ihrem jüngsten, kritischen Bericht zu Recht von der EU und den USA den Abbau von Agrarsubventionen und Schutzzöllen. Das ist schmerzhaft für einzelne Gruppen, aber bedeutsam für die Dritte Welt.

Andere Beispiele: Gegen die Wasserknappheit nützen höhere Wasserpreise ebenso viel wie neue Bewässerungstechnologien. In den meisten Ländern ist nicht Aids der größte Killer, sondern Malaria und Durchfall, die sich mit einfachen Mitteln wie Salztabletten und Moskitonetzen effektiv bekämpfen lassen.

Und schließlich sind die Zerstörung der Regenwälder und die Bodenerosion vor allem die Folge von Mängel in der Wirtschaftspolitik und dem Rechtswesen. Einen der wichtigsten Beiträge zur nachhaltigen Entwicklung der vergangenen Jahre hat der peruanische Ökonom Hernando de Soto mit seinem Buch "Freiheit für das Kapital" geliefert, in dem er die zentrale Rolle der Eigentumsrechte betont. Das ist eine Frage der politischen Kultur, die sich weder durch Konferenzen noch durch reine Finanzhilfe schaffen lässt.

Nirgendwo ist die Enttäuschung größer als im Kampf gegen Klimawandel. Hier sind vor allem die USA schuld, aber auch die Europäer, die marktwirtschaftliche Modelle, wie den Handel mit Emissionszertifikaten, zu wenig unterstützt haben. Und Klimapolitik passt ideal zu dem, was der Geist von Johannesburg zu werden droht:
Jeder weist dem anderen die Schuld zu, und keiner tut etwas.

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