Live auf Ö1: Erstaufführung der "Matthäus-Passion" von Carl Philipp Emanuel Bach in Minoritenkirche

Wien (OTS) - Österreich 1 ist es gelungen, für die Erstaufführung der wiederentdeckten "Matthäus-Passion" Carl Philipp Emanuel Bachs aus dem Jahr 1769 den international renommierten Dirigenten, Cembalisten und Organisten Ton Koopman zu gewinnen. In zwei Konzerten in der Wiener Minoritenkirche - Donnerstag, 29. und Freitag, 30. August; Beginn jeweils um 20.00 Uhr - leitet er sein Ensemble "Amsterdam Baroque Orchestra & Choir" sowie die Solisten Deborah York, Franziska Gottwald, Jörg Dürmüller und Klaus Mertens. Das Konzert am 30. August wird live auf Ö1 übertragen. Der Mitschnitt wird als wesentlicher Bestandteil der Reihe "UNICA" in der "ORF Edition Alte Musik" als Weltersteinspielung auf CD erscheinen.****

Viele der Kirchenmusikwerke Carl Philipp Emanuel Bachs schienen bis vor wenigen Jahre für immer verloren. Gesammelt im legendären Archiv der "Berliner Singakademie", galten sie - wie die vielen weiteren Kompositionen dieser Sammlung - als Kriegsverlust. Vor wenigen Jahren wurde diese musikhistorisch bedeutende Sammlung in Kiew wiederentdeckt und heuer im Mai auch an Deutschland zurückgegeben. Vertreter des ORF konnten die Sammlung bereits vor der Rückgabe in Kiew einsehen und einen Vertrag über die Nutzung des Archivmaterials durch den ORF unterzeichnen. Einer der Schätze der Sammlung ist Carl Philipp Emanuel Bachs "Matthäus-Passion" aus dem Jahr 1769. Ton Koopman wird sie in der Minoritenkirche in Wien am 29. und 30. August zum ersten Mal aufführen.

Carl Philipp Emanuel Bach war am 3. November 1767 als Nachfolger seines Patenonkels Georg Philipp Telemann zum Kantor und Musikdirektor der Stadt Hamburg ernannt worden. Ihm war viel daran gelegen, die Arbeit seines Vorgängers reibungslos zu übernehmen und damit auch die Passions-Tradition in Hamburg fortzusetzen. Für seine erste Matthäus-Passion aus dem Jahr 1769 fertigte er eine große Partitur an, in der die Rahmenstruktur für zukünftige Bearbeitungen durch das Beibehalten von Rezitativen bestimmt wurde, die immer wieder mit neuen Arien und Chören ergänzt werden konnten. So brauchte er für das jährlich wechselnde Evangelium nur eine einzige Basis-Passion zu schreiben, auf die er immer wieder zurückgreifen konnte. Bach wurde angelastet, dass er auch Werke anderer für seine eigenen Kompositionen benutzte und somit das sogenannte "pasticcio-Prinzip" anwendete. Das betraf bei der Matthäus-Passion das gesamte Repertoire der Choräle sowie eine Anzahl der "turba-Chöre", die Carl Philipp Emanuel unverändert von seinem Vater übernahm.

In einem Brief von 1825 hat Carl Friedrich Zelter, Leiter der Berliner Sing-Akademie, seine Bedenken gegen die "pasticcio-Praxis" festgehalten. Zelter, der sich intensiv mit der Musik Johann Sebastian Bachs beschäftigte, hatte auch einen guten Überblick über die Musik des Bachsohnes und konnte sich vorstellen, dass dieser wenig Lust hatte, "biblische Relationen oder Volksgebell in Töne zu bringen". Die stilistische Diskrepanz zwischen den erwarteten Pflichtstücken für die Liturgie und den freier komponierten Oratorien wie z. B. "Die Israeliten in der Wüste" oder "Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu" ist aus der Notwendigkeit zu erklären, mit den Kirchenoberhäuptern Hamburgs weiterhin auf gutem Fuß zu stehen.

Das zum Großteil in Stimmheften erhaltene Notenmaterial der Kirchenmusik C. Ph. E. Bachs aus dem Archiv der "Berliner Singakademie" kann erst jetzt, nach seiner Wiederentdeckung in Kiew bzw. nach der Rückgabe an Berlin, Einblick in das "pasticcio-Prinzip" des Komponisten geben. Neben dem musikhistorisch höchst interessanten "pasticcio-Prinzip" beeindruckt an dieser ersten Matthäus-Passion auch die außergewöhnliche Instrumentierung C. Ph. E. Bachs. So treten zur Begleitung der Arien und Chöre neben den gewohnten Oboen, Flöten und Streichern auch - für eine Passion untypisch, aber sehr beeindruckend - Hörner und Pauken hinzu. Die heutigen Hörer wird es vielleicht irritieren, wenn sich die berührenden und sehr individuellen Kompositionen C. Ph. E. Bachs mit bekannten Werken seines Vaters abwechseln. Aber diese bleibend zu ehren, dürfte für den Sohn Carl Philipp Emanuel das entscheidende Motiv gewesen sein, die Mode zu ignorieren und die Tradition der oratorischen Passion in eine neue Zeit zu lenken.

Die "Matthäus-Passion" Carl Philipp Emanuel Bachs wird am Donnerstag, den 29. und am Freitag, den 30. August - Beginn jeweils um 20.00 Uhr -in der Wiener Minoritenkirche aufgeführt. Ton Koopman leitet sein Ensemble "Amsterdam Baroque Orchestra & Choir" sowie die Solisten Deborah York, Franziska Gottwald, Jörg Dürmüller und Klaus Mertens. Das Konzert am 30. August wird live auf Ö1 übertragen. Der Mitschnitt wird als wesentlicher Bestandteil der Reihe "UNICA" in der "ORF Edition Alte Musik" als Weltersteinspielung auf CD erscheinen. Karten zu den beiden Konzerten sind unter der Tel. Nr.: 0800 333 800 erhältlich.(ih)

Rückfragen & Kontakt:

ORF Radio Öffentlichkeitsarbeit
Isabella Henke
Tel.: 01/501 01/18050
isabella.henke@orf.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | HOA/OTS