• 21.08.2002, 07:54:55
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"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Große Chance vertan" (Von Floo Weissmann)

Ausgabe vom 21. August 2002

Innsbruck (OTS) - Die Flutkatastrophe hat wieder einmal die
Schwächen der Europäischen Union deutlich gemacht. Die Gemeinschaft,
die sonst immer mehr Politikbereiche bestimmt, war für solche Fälle
nicht vorbereitet, weder finanziell noch personell. Jetzt werden -
kaum nachvollziebar für den Laien - Gelder herumgeschoben, um
zumindest einen symbolischen Beitrag zum Wiederaufbau zu leisten.
Beifall wird Brüssel dafür nicht ernten.

Der deutsche Kanzler Schröder musste erst Kommissionspräsident
Prodi in die Hochwassergebiete zitieren und einen Gipfel
veranstalten, um die EU mit ins Boot zu nehmen. In Österreich ward
kein Vertreter der Gemeinschaft gesehen. Botschaft an die Menschen:
In der Not lässt dich Europa alleine. Dagegen scheint die EU
allgegenwärtig zu sein, wenn es darum geht, Vorschriften zu machen.
Das liegt zwar vor allem an der Unsitte der nationalen Politiker, für
alles Unangenehme Brüssel verantwortlich zu machen, aber es fällt am
Ende auf die Union zurück.

Nach der Flut wurde eine Chance Europas vertan. Die Forderung nach
mehr Bürgernähe steht in jedem Reformkonzept, aber mit schönen Reden
wird sich nichts ändern. Es braucht praktische Politik, die die
Menschen dort abholt, wo sie stehen. Das wird nirgendwo augenfälliger
als am Ort einer Katastrophe, wo selbst Grundbedürfnisse nicht mehr
abgedeckt werden.

Allen Beteuerungen und Bemühungen zum Trotz präsentiert sich die
Europäische Union weiterhin vor allem als Wirtschaftsgemeinschaft und
als anonyme Beamtenburg, die Regelungen und Geldtöpfe verwaltet. Um
die Idee von einem geeinten Europa zu verwirklichen, wird es dagegen
eine Gemeinschaft der Menschen benötigen, die mit Emotionen belegt
ist. Die Flutkatastrophe hat erneut klar gemacht, wie dringend die EU
mutige Reformen umsetzen muss. Bremser in den Nationalstaaten, die
gerne ihre Doppelspiel weiterführen wollen, mögen sich vor Augen
halten, dass auch ihr Land einmal Hilfe brauchen könnte.

Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion
Tel.: 05 12 /53 54, DW 601

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT/OTS

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