Angst fragt nicht nach Beweisen

WirtschaftsBlatt-Kommentar von Gerald Stefan

Wien (OTS) - Jahrhundert-Hochwasser finden selten statt. Ob die globale Erwärmung Schuld an den immensen Schäden in Mitteleuropa hat, bleibt daher vorerst eine Streitfrage. Denn nur eine offensichtliche Häufung katastrophaler Wasserstände könnte alle Zweifler überzeugen. Als gesichert gilt nur, dass eine Erwärmung der Atmosphäre stattfindet - und dass aus Erwärmung oft eine Häufung extremer Klimaphänomene resultiert.

In der Zwischenzeit werden sich als Folge der Überschwemmungen des Jahres 2002 dennoch Dinge ereignen, die auf die Politik massive Auswirkungen haben: Der Klimaschutz wird jetzt ein Thema für die Massen - und die Wahlen. Insofern geht die Bedeutung der Flut über die blosse Zerstörung und die Kosten der Schadensbehebung hinaus: Aus der akademischen Theorie des Klimaschutzes, verfochten von Wissenschaftern, Grünen, Rückversicherern und anderen Otto-Normalverbraucher eher fernstehender Personen, wird politische Praxis.

Damit ändern sich die Spielregeln. Menschen haben es nämlich an sich, Gefahren vermeiden zu wollen, wenn sie keinen Sinn darin erkennen, sich ihnen auszusetzen. Je mehr Menschen von einem Problem oder zumindest der Möglichkeit seines Eintretens tangiert sind, desto grösser wird die kumulierte Angst und desto heftiger die Rückkoppelung auf die Politik: Wer das Problem aus der Welt zu schaffen verspricht, findet Anklang, wer damit scheitert oder es verniedlicht, nicht.

Und Anlässe zur Angst gibt es inzwischen einige: Am Anfang des 21. Jahrhunderts hat der moderne Mensch - im krassen Gegensatz zu den Voraussagen der Futurologen früherer Zeiten, die von Wetterkontrolle und total künstlicher Umgebung spinntisierten - die Aussicht, Opfer oder zumindest Leidtragender von Hochwasser, Sturmflut, Lawinen- und Murenabgängen, Hagel, Hurrikan, Taifun, Orkan und sonstigen widrigen Wetterphänomenen zu werden. Die Schlussfolgerung, dass der moderne Mensch das eher nicht will, liegt nahe. Die Folgen für die Politik ebenfalls. Welche Konsequenzen es hätte, wenn beispielsweise Millionen Deutsche wegen des Hochwassers mehr Umsatzsteuer zahlen müssten, kann man sich ohnehin denken.

Wenn die globale Erwärmung tatsächlich das Bedrohungspotenzial hat, das zu befürchten ist, dann ist die Mobilisierung der Wähler-Ängste eine gute Nachricht. Denn die Gesetzmässigkeiten der politischen Praxis haben es an sich, auf Beweise nicht warten zu müssen - und zu können.

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