Tagung der Jugendliteratur beschäftigt sich mit "Verwandlung"

Wien (OTS) - Die Möglichkeit zur Verwandlung durchzieht thematisch die Kinder- und Jugendliteratur von Beginn an. Was bei den Gebrüdern Grimm schon möglich war, ist auch in der heutigen Literatur für junge Leser immer noch vorgesehen: Das Umsteigen in eine Phantasiewelt, die Übernahme einer tragenden Rolle im spannenden Irgendwo gut gemachter Literatur.

"Mutabor", also die Verwandlung, ist auch das diesjährige Motto der 38. Tagung des Instituts für Jugendliteratur, zu der um die 100 Gäste erwartet werden. Tagungsort, der zwischen 19. und 23. August stattfindenden Veranstaltung, ist Baden bei Wien. Das Fachpublikum, hauptsächlich Lehrer, Pädagogen, Schriftsteller, Lektoren und Studenten, wird in den fünf Tagen die verschiedensten Facetten dieses Themas kennen lernen und kontroversiell diskutieren. Eröffnet wird die Veranstaltung mit einem Vortrag des bekannten Wiener Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler, der sich "Zum Prinzip der Metamorphose in der europäischen Literatur" äußern wird. Insgesamt konnten 12 Referenten aus Deutschland und Österreich für "Mutabor" gewonnen werden.****

Kindermärchen korrespondieren mit der "Multi-Optionen-Gesellschaft"

Die Wiederkehr der Verwandlung durch die literarische Figur des Harry Potter bzw. durch die Verfilmung des "Herrn der Ringe" ist für Franz Lettner, Chefredakteur des Kinderbuch-Magazins "1000 und 1 Buch" und Organisator der Tagung, zwar nur der äußere Anlass, sich mit dem Thema der Verwandlung zu beschäftigen, dennoch sieht er wieder ein deutliches Interesse an dieser literarischen Figur, die letztendlich auch durch diverse populäre Kinoverfilmungen, wie "Spider Man", eine Renaissance erfahren hat. Dazu kommen noch diverse Computerspiele und Internet-Angebote, die allesamt Möglichkeiten zu einem Rollenwechsel anbieten. Wie durchgängig heutzutage die Kinder mit der Erwachsenenwelt ist, erkennt man auch daran, dass die "Verwandlung" im Kinder- und Jugendbuchbereich durchaus mit dem Begriff der "Multi-Optionen-Gesellschaft" korrespondiert, der auf die Neuartigkeit der Wahlmöglichkeit des eigenen Lebensstils verweisen möchte.

In den alten Märchen ist das Böse begrenzt

In einem weiteren Beitrag wird Klaus Gasperi, Theologe und Germanist aus Innsbruck, über "Die immer mögliche Verwandlung" in den Volksmärchen der Gebrüder Grimm, in den Kunstmärchen eines Hans-Christian Andersen bzw. auch über die perspektivlose "Verwandlung" in einen Käfer bei Franz Kafka reden. Interessante Erkenntnisse: In den klassischen Volksmärchen wie etwa "Brüderchen und Schwesterchen" oder "Donröschen" ist die Macht böser Kräfte generell immer eingeschränkt. Das Verwandlungsmotiv kommt in diesem Genre zwar auch als Strafe für persönliche Unreife ("Die sieben Raben") oder als Übergangsphase bis zur letztendlich geglückten Entfaltung der eigenen Persönlichkeit ("Hans mein Igel") vor, dennoch steht für Gasperi fest, dass in den alten Märchen allein die bösen Kräfte sterben, die guten Anlagen hingegen nur zeitlich eingeschränkt werden. Zusammenfassend meint er, dass das Märchen den Menschen als ein Wesen des Umwegs schildert.

Kafkas "Verwandlung" markiert das Ende des Märchens

Während in den Volksmärchen die psychische Verfassung der verwandelten Personen kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird, kommt es in den Kunstmärchen von Andersen zu einer deutlichen Aufwertung dieser Dimension. Dies geht mit einer Rücknahme des Wunderbaren einher. Für Gasperi nehmen die Märchen Andersens drüber hinaus eine grundsätzlich andere Position wahr: Sie sind mehr Spiegel der bürgerlichen Gesellschaft, deren Defizite in den Erzählungen, etwa in der "Nachtigall" erkennbar gemacht werden. Mit Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" kommt das Märchen zu seinem Ende. Während in früheren Zeiten jede Verwandlung zeitlich begrenzt und rückgängig gemacht werden konnte, geschieht die Verwandlung des Angestellten Gregor Samsa zum unnützen Käfer in grausamer perspektivloser Tristesse. Anders als in den klassischen Märchen findet Samsa keine Helfer, die ihn erlösen. Er geht letztlich zugrunde.

Nähere Informationen über das Detailprogramm von "Mutabor" sind im Internet unter http://www.kidlit.nwy.at/ abrufbar.
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