"Presse"-Kommentar: Saddams Notausgang (von Christian Ultsch)

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"Presse"-Kommentar: Saddams Notausgang (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 3. August 2002

Wien (OTS). Wenn die USA tatsächlich eine Invasion in den Irak planen und nicht
bloß bluffen, dann hat Saddam Hussein nur eine Chance, seinem Untergang zu entgehen: Er muß im Streit um die UN-Waffenkontrollen nachgeben, er muß wieder Inspektoren ins Land lassen. Dann nämlich wird es Washington noch schwerer haben als bisher, einen Krieg zu rechtfertigen.
Schon jetzt raten Amerikas Verbündete in Europa, vor allem aber
in
der islamischen Welt, von einem Waffengang ab. Und sogar im US-Kongreß mehren sich die kritischen Stimmen. Wenn sich jetzt eine Möglichkeit ergäbe, auf friedlichem Wege sicherzustellen, daß der Irak über keine Massenvernichtungswaffen verfügt, dann stünden Bush, Rumsfeld & Co. endgültig blamiert da, setzten sie weiter auf Krieg. Iraks Herrscher Saddam Hussein hat nun erstmals die Tür zu diesem Notausgang einen Spalt weit geöffnet. Taktisch geschickt hat der irakische Außenminister Naji Sabri das amerikanische Säbelrasseln durch einen diplomatischen Schachzug konterkariert: Völlig überraschend lud er den Chef der UN-Waffeninspektoren, Hans Blix, nach Bagdad ein. Und er signalisierte zum ersten Mal seit dreieinhalb Jahren, daß der Irak - unter bestimmten Voraussetzungen -wieder bereit ist, sich der Kontrolle der UNO zu unterziehen.
Saddam Hussein setzt offenbar auf die UNO, sie soll ihn vor einem Angriff der Amerikaner bewahren. Noch wird er freilich eine Zeitlang seine Spielchen treiben. Er wird weiter pokern, weiter Bedingungen für eine Rückkehr der UN-Inspektoren stellen, nach einer gesichtswahrenden Formel suchen. Ein Hasardeur wie Bagdads Diktator reizt sein Blatt bis zum Schluß aus. Und wenn er die "Spürhunde" der UNO dann schließlich doch wieder in seinem Reich herumschnüffeln lassen sollte, würde er alles versuchen, sie, wie schon in der Vergangenheit, an der Nase herumzuführen. Das alles brächte Zeit. Und jeder Tag, den Saddam Hussein länger an der Macht ist, ist ein Triumph für ihn.
Letztlich aber wird sein Schicksal davon abhängen, wie
entschlossen
die Amerikaner wirklich sind, ihn zu stürzen. Denn von der UNO haben sich die USA noch selten von etwas abhalten lassen.

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