"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Das Tiefland Tirol" (Von Peter Plaikner)

Ausgabe vom 3. August

Innsbruck (OTS) - Tanzsommer, Festspiele, Volksschauspiele, Festwochen, Klangspuren: Allein diese großen fünf bieten drei Monate dichtes Programm auf hohem Niveau. Die heimische Sommerkultur ist reizvoller denn je. Dennoch bleibt Tirols Ansehen jenes vom Tiefland zwischen den Hochburgen Bayreuth, Verona, Bregenz und Salzburg. Eine Transitregion auch für den Festspielverkehr. Die kulturelle Außenhandelsbilanz ist negativ. Die Ursache dafür liefern nicht nur übermächtige Nachbarn. Sie ist auch hausgemacht. An der Verringerung von Tirols kulturellem Nachholbedarf arbeiten viele Initiativen. Doch es fehlt die Gesamtsteuerung, das gemeinsame Ziel, der große Plan. Die traditionsreichen Festspiele rundherum schaffen Identifikation für die jeweilige Region. Doch kein Kulturereignis steht für den Geist zum Herz der Alpen. Es gibt nicht einmal Versuche, die ideal gestaffelten Veranstaltungsreihen zu bündeln. Dabei könnte eine Dachmarke ihre und des Landes Attraktivität erhöhen. Seine Sommerschwäche kommt vom Imagedefizit. Die wachsende Zahl von Adabei-Auftritten bei Galas, Eröffnungen und Premieren täuscht. Der Gestaltungswille der Kulturpolitik hat hier in jenem Maße abgenommen, wie die Kultur zugelegt hat. Die Namensreihe Prior, Astl, Platter bedeutet Gefälle statt Steigung. Das Regieren endet bei der Bedarfserfüllung. Das strategische Versagen umfasst sogar eigene Ansprüche. Zum Beispiel, um den Traum von der Gesamttiroler Europaregion voranzutreiben. Kulturell ließen sich jene gesellschaftlichen Kontakte fördern, ohne die das Überwinden der getrennten Wirtschafts- und Lebensräume bloß verordnete Illusion bleiben kann. Seit zehn Jahren ist die Vision Euregio ein Projekt der beteiligten Länder. Die Praxis jedoch wirkt entweder zu abgehoben (Dreierlandtag), zu eigendynamisch (Expo 2000) oder nur peinlich:
Derzeit brüskieren sich Nord- und Südtiroler Politspitzen mit gegenseitiger Abwesenheit. Die schwarzen Fürsten sind sich nicht grün. Dabei teilt die gesamte Transit-Euregio die kulturelle Schwäche Tirols und den touristischen Zwang zu Events. Dieser subventionierte Wildwuchs benötigt die Politik als Förster, um ein gesunder Wald zu werden. Das Motto der nächsten Landesausstellung ist Die Zukunft der Natur. Doch uns fehlt eine Auseinandersetzung über die Zukunft der Kultur.

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