"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Macht und Moral" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 2. August 2002

Innsbruck (OTS) - Er gehörte zweifelsohne zu den schillernsten Figuren der politischen Szene in Deutschland. Nach dem Fall der Berliner Mauer wurde er zum Star der politischen Talkshows und machte die postkommunistische PDS salonfähig. Jetzt erklärte Gregor Gysi für viele überraschend seinen Rücktritt als Berliner Wirtschaftssenator.

Gysi stolperte über die Fluggeschichte "miles-and-more". Er hatte dienstlich erworbene Bonusmeilen der Lufthansa für private Reisen missbraucht. Das war ein Fehler, wie Gysi der Öffentlichkeit mitteilte, selbst wenn es im Vergleich zu den Spendenskandalen harmlos anmutet.

Gysi erklärte, dass er "stets großen Wert darauf gelegt" habe, sich "moralisch fehlerfrei zu bewegen und Privilegien nur im notwendigen Umfang zu nutzen". Gysi räumte nun ein, dass er im Umgang mit den Bonusmeilen "gedankenlos einer Fehlinformation gefolgt" sei. Dies zeige, dass er sich von seinen Wählern entfernt und begonnen habe, Privilegien als Selbstverständlichkeit zu betrachten. Ob Gysi nun bloß einen günstigen Augenblick suchte, um aus der Politik auszusteigen, oder ob er einsah, dass sein Handeln mit den eigenen Maßstäben nicht in Einklang zu bringen war, der Rücktritt und dessen Begründung verdienen zumindest Anerkennung und Respekt.

Denn der gefallene Politiker begründete seinen Abgang mit Moral und Glaubwürdigkeit. Zwei Begriffe, die in Zeiten der politischen Sesselkleberei allzu oft zur Heuchelei verkommen. Doch Glaubwürdigkeit gehört ebenso zum politischen Geschäft wie die Macht zum politischen Handwerk. Macht ist das Instrument der Politik, das Lebenselixier der Politiker.

Gysis Abgang zeigt, auf welch' dünnem Eis sich Politiker bewegen sollten. Denn es gehört zu den politischen Leistungen, sich der Verführungsgewalt der Macht zu widersetzen, um nicht an seinen eigenen Maßstäben zu scheitern.

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