"Die Presse" - Kommentar: "Die Terror-Hydra" von Gerhard Bitzan

Ausgabe vom 30.7.2002

WIEN (OTS).Er war in der griechischen Gesellschaft hoch angesehen und wurde ehrfürchtig mit "Professor" tituliert, obwohl er nie einen Uni-Abschluss gemacht hatte. Was niemand wusste: Der heute 58jährige Alexandros Giotopoulos führte ein Doppelleben und war seit fast drei Jahrzehnten Chef der Terrorgruppe "17. November". Bei der Festnahme vor einigen Tagen gab er alles zu und sagte, er übernehme die "politische Verantwortung" für alles.

Eine Aussage, die ein Schlaglicht auf die Denkweise von Linksterroristen wirft. In ihrer 27jährigen "Tätigkeit" hat "17 N", wie die Gruppe genant wird, bei Anschlägen 23 Menschen getötet und Dutzende verletzt. Und das alles war "politisch"? Nein, es ist in Wahrheit eine unglaubliche Anmaßung, sich über den Staat zu stellen, zu bestimmen, was Recht und Unrecht ist, und zu glauben, man dürfe seine Ideen auch "militärisch" durchsetzen - was im Klartext heißt, jeden ermorden zu dürfen, der als Gegner definiert wird.

Nun ist der "17. November" nicht die einzige Links-Terrorgruppe, die diesem Irrglauben anhing. Im Gefolge der 68er Bewegung bildeten sich in Europa mehrere Gruppen heraus, die den Staat und das Establishment mit Terror bekämpften. Die bekannteste war wohl die deutsche Rote Armee Fraktion, die die Bundesrepublik in den siebziger Jahren in eine schwere Krise stürzte. Mit linken Ideologiefetzen wurde politische Blöße verdeckt und daraus das Recht zum Töten abgeleitet. Heute ist dieser Spuk vorbei, die meisten Terroristen wurden inhaftiert und aus ihren Sympathisanten sind wohlbestallte Bürger, ja sogar Politiker, geworden.

Mit der Zerschlagung von "17 N" ist Europas letzte Linksguerilla ausradiert. Zwar gibt es in Italien noch fallweise leichtes Aufflackern der Roten Brigaden, ansonsten ist der Terror eher nationalistisch begründet - siehe Baskenland oder Nordirland.

Der alte Terror ist also tot, aber wir dürfen uns keinesfalls zurücklehnen, denn der neue Terror ist umso gefährlicher. Zwar ist Amerika das primäre Ziel, wie der 11. September gezeigt hat, aber Europa als Teil des Westens ist genauso im Visier der Terroristen, die sich in diffuser Weise gegen Globalisierung, Wirtschaftsimperialismus, Kapitalismus - eigentlich gegen alles Westliche - wenden. Und ähnlich wie die europäischen Linksterroristen glauben Bin Laden und seine Terror-Epigonen, das Recht zu haben, Menschen nach Belieben töten zu können. Der gefährliche Unterschied ist der, dass früher vor allem Einzelpersonen im Visier der Attentäter waren, heute geht es in erster Linie um die Menge. Je mehr Menschen umkommen, umso besser -so die unfassbare Sicht der Terroristen.

Während Sicherheitsexperten davor warnen, dass Europa im Kampf gegen den Terror zu lasch ist, bahnt sich schon die nächste Terror-Mutation an: Zunehmend werden anti-westliche Ressentiments mit konkreten politischen Anliegen verbunden. Da müssen die Unterdrückung der Palästinenser, die Ausbeutung von Ölvorkommen, Hunger und Armut, um nur einige zu nennen, als Begründung dafür herhalten, dass man Unschuldige töten darf. Das Gefährliche daran ist, dass diese Einstellung nicht nur in relativ kleinen Terror-Zirkeln wie der al-Qaida vorherrscht, sondern in vielen Drittwelt-Ländern Fuß faßt - und dort vor allem an der Basis.

Gefordert sind die Sicherheitspolitiker, um wirksame Gegen-Konzepte auszuarbeiten. Neben der zweifellos wichtigen Zerschlagung der Terror-Infrastruktur in aller Welt müssen auch politische Signale gesetzt werden. Etwa ehrliche Versuche, zentrale Konflikte (wie Palästina) gerecht zu lösen. Oder Signale, dass man zumindest im Ansatz versucht, Ungerechtigkeiten in der Welt zu reduzieren. Mit ein paar Bomben auf das Haus eines Terror-Chefs ist es jedenfalls nicht getan.ENDE

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