WirtschaftsBlatt-Kommentar: Turmhohe Bedenken von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Das Areal am Bahnhof Wien-Mitte muss neu gestaltet werden, das bezweifelt niemand. Die Baubranche, die unter der anhaltenden Konjunkturschwäche leidet, benötigt dringend Aufträge. Auch das ist plausibel. Beides zusammen kann aber kein ausreichender Grund sein, mit vielen Kubik- und Höhenmetern der Stadt an der Donau ein weiteres Stück von ihrer in der Welt geschätzten Einmaligkeit zu nehmen.

Die Hochhäuser, die zur Zeit aus dem Boden schiessen und im einen oder anderen Fall auch berechtigt sein können, bieten nichts, was nicht in jeder anderen Metropole in vielfacher Form geboten würde:
eine anonyme Wolkenkratzer-Kultur mit all den teuren Folgen für Sicherheit der Mieter, Verkehrskonzentration und Folgekosten. Das Modell für Wien-Mitte, das lediglich einem bereits gefassten Baubeschluss nachträglich das Mäntelchen bürgernaher Transparenz überstülpt, zeigt eines ganz drastisch: Die Türme rücken näher, sie erreichen das Zentrum Wiens und verändern die City. Diese zieht jährlich zehntausende Touristen an, und die deutsche Sprache gibt ihrer Schönheit ein aussagekräftiges Attribut: Wiens Innenstadt ist boden-ständig. Sie ist offen, erdnah und ihrer Struktur nach nicht auf Magnetkarten und blitzendes Gestänge angewiesen, das ihre Besucher in befugte und unbefugte sortiert.

Und nun ein Klotz mit vier Türmen bis in die Höhe von 97 Metern direkt am Stadtpark, in seiner Baumasse eine Visitenkarte für die dort aus aller Welt ankommenden Fluggäste. Ein Glas-Alu-Stahl-Allerweltskomplex. Das Unglaublich ist, dass der verantwortliche Wiener Planungsstadtrat Rudolf Schicker das Projekt mit den Worten verteidigt, es sei "weit weniger schlimm" als behauptet und es noch immer in Zusammenhang mit Wiens Weltstadt-Flausen bringt. Im APA-Interview sagte er allen Ernstes:
"Jetzt habe ich ein paar wenige Türme, die zugegebenermassen eine Spur höher sind, die aber auf der anderen Seite ermöglichen, dass es dazwischen niederer ist."

Zwischen höher und niederer entsteht dann wahrscheinlich auch die für Rathausmänner so wichtige "moderne Skyline", durch die Wien Weltstadt wird. Zur Standortqualität, auch der ökonomisch definierten Standortqualität, gehört Lebensqualität. Die Harmonie einer Stadt entfaltet sich in New York anders als in Sydney, in Rom anders als in Paris. Wer 750 Meter vom Steffel entfernt anfängt, die Innere Stadt zwischen Wolkenkratzer-Fassaden einzumauern, gefährdet die Qualität eines Standorts.

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