"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Selbstmord des Systems" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 28. Juli 2002

Graz (OTS) - Panik an den Börsen. Der naive Glaube, dass die Talsohle erreicht
sei, entpuppt sich als tragischer Irrtum. Es geht immer noch tiefer bergab. Warum sollte es auch anders sein auf einem Markt, wo nicht mehr die realen Daten zählten, sonder nur noch die utopischen Phantasien von skrupellosen Managern verkauft wurden?

Die Analyse, die von den Analysten der Investmentbanken nicht vorgenommen oder zumindest nicht öffentlich gemacht wurde, ist jetzt allgemein zugänglich: An den Aktienmärkten wurden unvorstellbar große Summen verspielt und vernichtet. Der Luftballon der Spekulation platzt nicht nur einmal, sondern es gibt eine ganze Reihe von Blasen, die mit einem Fäulnis verbreitendem Geruch in sich zusammen brechen. Die Hoffnung, dass das strafende Gewitter vorbei sei und die überhitzte Luft gereinigt habe, ist trügerisch. Dem unaufhaltsamen Hoch, das sich immer weiter aufschaukelt, folgt das Tief, das einem alles verschlingenden Strudel gleicht.

Heute ist klar, dass der Terroranschlag vom 11. September nicht der Auslöser der Krise war, sondern den Sinkflug der schon seit längerer Zeit lahmenden Konjunktur in den Sturzflug beschleunigte. Es gab zuvor nur wenige Beobachter, die sich vom Glitzer und Glanz nicht täuschen ließen. Ihre Warnung, dass sich Aktien längst von der Realität abgekoppelt hatten, wurde als überängstlich und hinterwäldlerisch belächelt. Alle waren vom Feuerwerk der steigenden Kurse geblendet. Man investierte in Luftschlösser, obwohl die Fondsmanager mit den Ersparnissen eigentlich Altenheime finanzieren sollten.

Das Erwachen aus dem Rausch ist mit Kopfschmerzen verbunden. Nicht zufällig und auch nicht mutwillig wird George W. Bush von der Neuen Zürcher Zeitung, dem Zentralorgan der Hochfinanz, an Herbert Hoover erinnert, der die vom Börsenkrach an der Wall Street ausgelöste Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre nicht verhindern konnte:
"Das einzige Problem mit dem Kapitalismus", seufzte der damalige amerikanische Präsident, "sind die Kapitalisten. Sie sind so verdammt gierig".

Die Gier hat auch jetzt die Manager in den Abgrund verführt. Als Mitte der Achtzigerjahre der amerikanische Ökonom Alfred Rappaport sein Buch über "Creating Shareholder Value" veröffentlichte, war die Botschaft aufregend, weil viele Konzernlenker die Eigentümer als Unmündige behandelten. Aktionäre seien "dumm und frech": Dumm, weil sie Aktien kaufen; frech, weil sie auch noch Dividenden erwarten. Inzwischen stehen wir vom den Scherbenhaufen des allein auf Kursgewinn ausgerichteten Denken. Missbraucht von Managern, die das Wohl der Aktionäre vorgaukelten, um sich selbst mit Optionen zu bereichern, als die Pyramiden bereits wie Kartenhäuser zusammenstürzten. Die Bilanz : Pleiten und Betrügereien.

Dass der Star an der Spitze der deutschen Telekom durch einen Pensionisten vom Wörthersee ersetzt wurde, ist mehr als die Rückbesinnung von der New Ecomomy zur Old Economy: Mit dem Versagen der Leitfiguren des Shareholder Value hat auch das System Selbstmord begangen.****

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