"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Der Aufschwung" (Von Peter Plaikner)

Ausgabe vom 27. Juli 2002

Innsbruck (OTS) - Zuerst die USA: Ihr Außenhandelsdefizit erreicht ebenso Rekordhöhe wie die Pleite von WorldCom. Doch der Finanzminister versprüht Optimismus. Es geht wieder aufwärts.

Dann Deutschland: Die Telekom gelangt ebenso zum Tiefpunkt wie die Stimmung der Unternehmer. Aber der Finanzminister verbreitet Zuversicht. Der Aufschwung kommt bestimmt.

Schließlich Österreich: Die Bürger glauben so wenig an Steuerentlastung wie die Unternehmer an Senkung der Lohnnebenkosten. Der Wirtschaftsforscher ist dennoch hoffnungsvoll. Es geht wieder empor - falls die globale Ökonomie es erlaubt (siehe USA und Deutschland).

Trotz aller Versuche, die Konjunktur herbei zu reden, wirken Wirtschaft und Politik gleichermaßen ratlos. Sogar das Notenbank-Orakel von Groß-Greenspan und Klein-Duisenberg hilft nicht weiter. Denn Pleiten wie jene von WorldCom und Krisen wie jene der Telekom rauben das Vertrauen, bremsen den Konsum und hemmen die Konjunktur. In den USA, in Deutschland und - unentrinnbar globalisiert - in Österreich. Auch der heimische Einzelhandel stöhnt unter Einbrüchen.

Die umfassende Reaktionsunfähigkeit hat einen gemeinsamen Nenner:
Vieles ist zu groß geworden. Fusionen und Unionen verfügen nicht über die Beweglichkeit kleiner Einheiten. Je gewaltiger, umso träger gerät jedes Gebilde, desto schwerer fällt eine Kurskorrektur.

Zerschlagung und Neuanfang waren bisher das einzige Rezept für und gegen unsteuerbare Riesen. Doch es muss einen Mittelweg geben zwischen dem Think Big! des globalen Kapitalismus und dem Small Is Beautiful des Austro-Ökonomen Leopold Kohr. Ihn zu finden, ist die größte aktuelle Herausforderung an die Politik. Einen kleinen Lösungshinweis dazu gibt die Natur: Neben ausreichend Energie (Öl!) garantiert nur die Artenvielfalt das langfristige Überleben eines Ökosystems.

Österreich erscheint unterdessen als Musterbeispiel reizvoller Kleinheit. Kein heimischer Konzern liegt unter den globalen Top 200. Doch unser Bruttonationalprodukt erreicht Platz 22 im Staatenvergleich. Und für die politische, wirtschaftliche und soziale Gesamtentwicklung gibt uns die UNO sogar Rang 15. Das ist hervorragend für ein Land, dessen Bevölkerungszahl und Fläche nur an 88. bzw. 113. Stelle rangieren. Doch vor lauter Selbstkritik vergessen wir zu oft, wie gut wir sind.

Also: Es geht wieder aufwärts!

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
Chefredaktion - Tel.: 05 12/53 54, DW 601

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT/OTS