SPÖ schlägt 10-Punkte-Programm für Lehrlinge vor (1)

Gusenbauer: Jedem Jugendlichen eine faire Chance geben!

Wien (SK) Angesichts der dramatischen Situation am Lehrstellenmarkt schlägt die SPÖ ein 10-Punkte-Programm für mehr und hochwertige Ausbildungsplätze in Österreich vor. SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer präsentierte das Lehrlingsprogramm der SPÖ am Mittwoch in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit SPÖ-Jugendsprecherin Gabriele Heinisch-Hosek und SPÖ-Abgeordnetem Franz Riepl, die das Programm ausgearbeitet haben. Gusenbauer warnte vor einer besonders prekären Entwicklung: Im Jahr 2000 standen noch 1,4 Lehrstellensuchende einer offenen Lehrstelle gegenüber, im Jahr 2001 waren es bereits 2,4 Suchende pro Lehrstelle, im heurigen Herbst werden es bereits 3,3 Lehrstellensuchende pro Lehrstelle sein. Gusenbauer betonte, angesichts dieser dramatischen Situation sei die Politik dringend zum Handeln aufgefordert: "Jugendliche müssen eine faire Chance erhalten." ****

Unter anderem schlägt die SPÖ die Einrichtung eines Lehrlingsfonds nach Vorarlberger Vorbild vor. Gemäß diesem Modell zahlen Betriebe, die keine Lehrlinge ausbilden, in einen Fonds ein, aus dem Betriebe, die Lehrlinge ausbilden und eine gute Ausbildungsqualität sicherstellen, gespeist werden. Damit wird ein gerechter Lastenausgleich geschaffen. Dieses Modell, das auf Initiative der Vorarlberger Wirtschaft bereits vor 15 Jahren eingeführt wurde, habe sich sehr bewährt, betonte Gusenbauer. Vorarlberg habe im österreichischen Vergleich das geringste Lehrstellenproblem und weise außerdem eine außerordentlich hohe Ausbildungsqualität bei Lehrlingen auf. Gusenbauer fordert daher daraus zu lernen und dieses Modell österreichweit umzusetzen. Die Höhe der einzuzahlenden Beiträge beträgt in Vorarlberg 2,4 Promille der Bruttolohnsumme des jeweiligen Betriebes.

Gusenbauer sprach sich außerdem für die Einrichtung von regionalen Jugendbeschäftigungsgipfeln aus, die sich aus Landesschulräten, Politikern und Sozialpartnern zusammen setzen, da aus regionaler Perspektive die jährliche Situation am Lehrstellenmarkt am besten abschätzbar sei, Probleme vor Ort besser erkannt werden und Lösungen somit rascher erfolgen könnten. In der Vergangenheit hätte es derartige Gipfel bereits auf Landesebene gegeben. Auch in einzelnen Regionen, wie etwa in Ried/Innkreis seien derart institutionalisierte Gipfel bereits eingerichtet.

Im SPÖ-Lehrlingsprogramm geht es aber auch um eine noch bessere Qualität der Lehrlingsausbildung: Gefordert wird unter anderem eine Aufwertung der Berufsschulen, die "beste Qualifizierung" der AusbildnerInnen oder die Honorierung besonderer Ausbildungsqualität. Auch mehr Flexibilität und Wahlmöglichkeit bei den Ausbildungsangeboten erachtet Gusenbauer für notwendig. Aufgrund der rasanten technischen Weiterentwicklung seien die Lehrinhalte eines Lehrberufes oft rasch überholt. Neben der Basisausbildung - den vorgeschriebenen Lehrinhalten - sollten darum Zusatzmodule, die zum Beispiel eine Spezialisierung im angestrebten Beruf ermöglichen, angeboten werden. Denn Spezialisierung und fundierte Grundausbildung dürften kein Gegensatz sein.

Die zehn Forderungen der SPÖ im einzelnen:

1) Bessere Berufs- und Bildungsberatung für Jugendliche: SchülerInnen müssen bei der Wahl einer höheren Schule oder eines Lehrberufs besser begleitet werden. Die SPÖ fordert daher, dass Berufs- und Bildungswegorientierung als verbindliche Übung ab der 1. Klasse Hauptschule und AHS eingeführt wird. Die individuelle Beratung muss verbessert werden. Mädchen auch für typische Männerberufe zu begeistern, soll dabei ein Schwerpunkt sein.

2) Gebührenfreies Nachholen des Hauptschulabschlusses für alle: In Österreich verlassen jährlich rund fünf Prozent bzw. 4.700 SchülerInnen die Schule ohne Abschluss. Der Hauptschulabschluss kann nur bis zum 19 Lebensjahr kostenlos in der Schule nachgeholt werden. Danach ist dies nur mehr kostenpflichtig möglich. Das Risiko für Menschen ohne Schulabschluss, arbeitslos zu werden, ist besonders hoch. Daher fordert die SPÖ, dass diese Mindestvoraussetzung für den Berufseinstieg kostenlos nachgeholt werden kann. Das heißt, die Kurskosten für die Vorbereitung auf die Abschlussprüfung müssen durch die öffentliche Hand voll abgedeckt werden. Darüber hinaus sollen auch die Berufsreifeprüfung und die Studienberechtigungsprüfung gebührenfrei werden. Dabei ist eine direkte Förderung der SchülerInnen aber auch der Einrichtungen, die diese Kurse anbieten, denkbar.

3) Ausbildungsgarantie für Jugendliche: Alle Jugendliche haben das Recht auf eine Lehrstelle oder einen Platz in einer weiterführenden schulischen Ausbildung. Die SPÖ bekennt sich weiterhin zum österreichischen System der dualen Ausbildung. Der derzeitige Mangel an Lehrstellen fordert jedoch nicht nur die Wirtschaft sonder auch die Politik zum Handeln auf. Das AMS muss mit ausreichenden finanziellen Mitteln ausgestattet werden, um sowohl persönliche Beratung als auch Qualifizierung zu garantieren. Jene Jugendlichen, die aufgrund von sozialen oder sprachlichen Problemen oder Schul-oder Lehrabbrüchen Schwierigkeiten haben, eine Lehrstelle oder einen schulischen Ausbildungsplatz zu finden, brauchen spezielle Unterstützung.

4) Lastenausgleich zwischen den Betrieben durch einen Lehrlingsfonds:
Die Kosten für die Lehrlingsausbildung sind in Österreich zwischen den Unternehmen ungerecht verteilt. 85 Prozent der Lehrlinge werden in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) ausgebildet. Zugleich verabschieden sich immer mehr Betriebe von der Lehrlingsausbildung -dies in einer Situation, in der Unternehmen einheitlich einen Fachkräftemangel beklagen. Von Seiten der KMU wird beanstandet, dass die von ihnen ausgebildeten Lehrlinge dann von der Industrie abgeworben werden. Die SPÖ schlägt deshalb vor, dass in Zukunft jene Betriebe, die keine Lehrlinge ausbilden, einen finanziellen Beitrag in einen Fonds einzahlen sollen. Dieses Geld soll jenen Betrieben zugute kommen, die Lehrlinge ausbilden. Der Lehrlingsfonds soll auch die Motivation der Betriebe steigern, Lehrlinge auszubilden.

5) Einrichtung von regionalen Jugendbeschäftigungsgipfeln: Die jährliche Situation am Lehrstellenmarkt ist aus regionaler Perspektive am besten abschätzbar, da Probleme vor Ort besser erkannt werden und Lösungen somit rascher erfolgen können. Jugendbeschäftigung sollte darum am besten regional gefördert werden. Im Rahmen von regionalen Jugendbeschäftigungsgipfeln mit VertreterInnen der Sozialpartner, der Schulen und der Politik sollte jährlich bis zur Jahresmitte die Lage am Arbeitsmarkt erhoben werden. Angebot und Nachfrage müssen geprüft werden um frühzeitig etwaige Auffangmaßnahmen zu beschließen

6) Flexiblere Lehrlingsausbildung: Fundierte Grundkenntnisse und Spezialisierung dürfen in der Lehrlingsausbildung keinen Gegensatz darstellen. Dafür ist notwendig:
Modulsystem in der Ausbildung: Ein Beispiel: Sanitär- und Klima-TechnikerInnen müssen sich derzeit am Anfang ihrer Lehre für einen der drei Bereiche Gas und Wasserinstallation, Heizungsinstallation oder Lüftungsinstallation entscheiden. Bei einem Modulsystem könnten die Lehrlinge neben einem Basismodul mehrere Zusatzmodule wie zum Beispiel Bädergestaltung ohne Verlängerung der Lehrzeit absolvieren. Diese Zusatzmodule können auch in Partnerbetrieben abgelegt werden. Die Verantwortung für den Lehrabschluss bleibt jedoch beim ersten Lehrbetrieb.

Verbund von Ausbildungsbetrieben: Wenn ein Betrieb nicht alle im Berufsbild festgelegten Fertigkeiten und Kenntnisse vermitteln kann, wird Lehrlingen damit die Möglichkeit geboten, einen Teil ihrer Ausbildung in einem Partnerbetrieb oder einer überbetrieblichen Einrichtung (BFI, WIFI usw.) zu erwerben. Die bisher schon mögliche Zusammenarbeit zwischen den Lehrbetrieben soll ausgebaut werden.

Einrichtung von Gruppenlehrberufen: Um Schmalspurlehrberufe mit geringen Zukunftschancen zu vermeiden, sollen mehrere Lehrberufe zu einem Gruppenlehrberuf zusammengefasst werden. Eine breite Basisausbildung mit anschließender Spezialisierung ist hier das angestrebte Ziel.

7) Schaffung neuer Lehrberufe mit Zukunftsperspektive:
Die Lehrlingsausbildung muss ständig dem technischen Fortschritt angepasst werden, um neue Berufsfelder mit Zukunftsperspektive erschließen zu können. Neue Lehrberufe müssen der Vielfältigkeit der neuen Berufsfelder entsprechen und Fachkräfte hervorbringen, die sowohl über Theorie- als auch Praxiskompetenz verfügen. Das Berufsbild einer/s Konstrukteurin/s etwa ist so aufgebaut, dass die erworbenen Qualifikationen einen multifunktionalen Einsatz in der Konstruktion und auch im Maschinen- oder Werkzeugbau ermöglichen. KonstrukteurInnen entwickeln und konstruieren Einzelteile von Maschinen, Anlagen sowie Werkzeuge und Vorrichtungen für die Produktion. Sie bearbeiten Aufträge, Terminpläne von Projekten und erstellen für den Betrieb und die Instandhaltung die entsprechenden Anleitungen und Dokumentationen.

8) Aufwertung der Berufsschulen - Schlüsselqualifikationen für alle BerufsschülerInnen: Berufsschulen dürfen nicht nur als theoretisches Beiwerk zur praktischen Lehre verstanden werden. Zu den Schlüsselqualifikationen müssen auch rhetorische Kompetenz, Bewerbungstraining, Teamarbeit, Mitarbeiterführung, Zeitmanagement, Konfliktlösung usw. zählen. Diese Fähigkeiten könnten sowohl im Berufsschulunterricht integriert als auch in speziellen Kurseinheiten erworben werden.

9) Beste Qualifizierung der AusbildnerInnen:
Lehrlinge brauchen die besten AusbildnerInnen. Denn die Qualität der Lehrlingsausbildung ist nicht nur von der Ausstattung des Betriebes sonders im Besonderen von der Qualifikation und Motivation der AusbildnerInnen abhängig. AusbildnerInnen brauchen deshalb über ihre fachliche Qualifikation hinaus vor allem pädagogische Fähigkeiten, um auch ein Vertrauensverhältnis mit den Lehrlingen aufbauen zu können. Bei der Lehrlingsausbildnerprüfung müssen soziale Kompetenzen zukünftig eine größere Rolle spielen. Zusätzlich müssen Weiterbildungsmaßnahmen für AusbildnerInnen in Zusammenarbeit mit den Berufsverbänden forciert werden, damit LehrerInnen über aktualisierte Anforderungen und Veränderungen in der Arbeitswelt rasch informiert sind.

10) Besondere Ausbildungsqualität muss honoriert werden: Betriebe, die besonderen Wert auf qualitativ hochwertige Lehrlingsausbildung legen, sollen auch die Möglichkeit bekommen, dies öffentlich darstellen zu können. Dies könnte etwa mit Auszeichnungen für lehrlingsfreundliche Betriebe oder regionalen Preisen für besondere Initiativen honoriert werden. (Forts.) ml

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