Wien-Buch: Schmidt-Dengler über Zwischenkriegszeit

Wien (OTS) - Kein völlig neues, in seiner engagierten Zusammentragung wichtiger Aufsätze aber dennoch bemerkenswertes Buch:
"Ohne Nostalgie. Zur österreichischen Literatur der Zwischenkriegszeit" ist ein konzentrierter wie vielschichtiger Versuch des bekannten Wiener Germanistikprofessors, die wesentlichen Werke der damaligen Epoche in ihr zeithistorisches Umfeld zu stellen. Der über lange Zeit anerkannten These vom "Habsburgermythos" des italienischen Literaturprofessors Claudio Magris, die in aller Kürze von einer nach 1918 erst entstandenen Habsburg-Verklärung als bestimmendes Element der österreichischen Literaturproduktion spricht, steht Schmidt-Dengler nicht erst seit heute skeptisch gegenüber. Bereits in den 70er Jahren plädierte der heutige Vorstand des Germanistik-Institutes der Universität Wien für eine literarische Eigenständigkeit der Zwischenkriegszeit, ohne a priori auf die Zeit vor 1918 zu schielen. Seinem Plädoyer schickte Schmidt-Dengler im Laufe der Jahrzehnte vielerlei Untersuchungen zu bekannten Werken und häufig gebrauchten Motiven der Zwischenkriegszeit nach. So etwa zum Motiv des Militärischen ("Von Fahnen und Fanfaren") oder zur trivialen Romanproduktion jener Jahre ("Wien 1918: Glanzloses Finale"). Dem thematischen Dauer-Brenner jener zwei aufwühlenden Jahrzehnte, nämlich die in scharfer Gegenüberstellung gebrachten Topoi "Großstadt" (also Wien) versus dem "Land" widmet der Autor kein eigenes Kapitel, dafür durchzieht es konsequent die bestehenden. Immer wieder versucht Schmidt-Dengler große Werke wie etwa jenes von Arthur Schnitzler, Robert Musil, Hermann Broch oder Ödon von Horvath aus ihrem zeitgeschichtlichen Kontext heraus zu erklären bzw. Leseanleitungen unter Bedachtnahme des damaligen Zeitgeistes anzubieten. Die insgesamt spärlichen Versuche der damaligen Literatur in geistige Verbindung zu den zeitgenössischen Natur- und Sozialwissenschaften zu treten, lässt der erst kürzlich 60 Jahre alt gewordene Doyen der heimischen Literaturgeschichte ebenso wenig aus ("Statistik und Roman. Über Otto Neurath und Rudolf Brunngraber"), wie seine Bemühungen um scheinbar literaturferne Künstler wie den Komponisten Ernst Krenek ("Wie schlafende Uhren blicken uns des Lebens Bilder an". Zu Ernst Kreneks "Reisebuch aus den österreichischen Alpen" und "Gesänge des späten Jahres"). Auch dort, wo Schmidt-Dengler auf die Lyrik der Zwischenkriegszeit näher eingeht ("Gedicht und Veränderung. Zur österreichischen Lyrik der Zwischenkriegszeit") und hierbei u.a. an Josef Weinheber, Wilhelm Szabo oder Theodor Kramer erinnert, ist seine Intention klar: Das markante geistige Profil der Jahre zwischen 1918 und 1938 weder über Umwege in die schwarz-gelbe Vorgeschichte zu erklären, noch als randständiges, leichtfertig zu übergehendes Schaffen zu denunzieren.

Dies alles geschieht in einer präzisen und dennoch äußerst flüssig zu lesenden Sprache, der man anmerkt, dass sie um die Pervertierungspotentiale des öffentlichen Sprachgebrauchs während der Zwischenkriegszeit nur allzu gut Bescheid weiß. Insgesamt bietet der Sammelband, für dessen Zustandekommen Klaus Amann, Hubert Lengauer und Karl Wagner verantwortlich zeichnen, elf Streifzüge in die literarische Welt der Zeit zwischen 1918 und 1938.

Wendelin Schmidt-Dengler, Ohne Nostalgie. Zur österreichischen Literatur der Zwischenkriegszeit. Erschienen bei Böhlau 2002, 202 Seiten, EUR 29,90.
(Schluss) hch

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