"Die Presse" Kommentar: "Saddams Kopf" (von Gerhard Bitzan)

Ausgabe vom 23.7.2002

Wien (OTS) Mit einer fast unglaublichen Selbstverständlichkeit bereitet die US-
Regierung derzeit einen Krieg gegen den Irak vor. Es geht offenbar nicht mehr darum, ob man Bagdad angreift, sondern nur noch um das Wann. Politiker und Abgeordnete in den USA diskutieren nicht darüber, ob ein Waffengang gegen Saddam Hussein gerechtfertigt ist oder nicht, sondern darüber, wie man die Verluste von US-Soldaten gering halten könne. Im Kongreß wird lediglich Sorge darüber geäußert, ob man früh genug über einen Irak-Krieg informiert wird. Und mittlerweile ist auch in der US-Öffentlichkeit ein Krieg gegen Saddam populär geworden.
Nun ist das irakische Regime nicht gerade ein sympathisches. Im Gegenteil: An den Händen von Diktator Saddam Hussein klebt viel Blut: Er zögert nicht, Giftgas einzusetzen und in den irakischen Kerkern schmachten Zehntausende Oppositionelle. Jeder Tag, an dem dieses Regime nicht mehr an der Macht ist, wäre ein guter für die irakische Bevölkerung.
Bauchweh bereiten nur die allzu durchsichtigen Motive, die George W. Bush und die Hardliner in seinem Beraterstab haben. Da gilt es einmal die Scharte auszumerzen, daß Bush-Senior im ersten Golfkrieg Saddam verschont hat. Dies ist offenbar eine Frage der familiären Ehre. Dazu kommt, daß der Kampf der US-Regierung gegen den Terror schon zu einer Manie ausartet. Alles und jedes wird dem untergeordnet. Wo immer in der Welt ein Finsterling agiert, ist er schon im Terror-Visier Washingtons, auch wenn, wie im Fall Irak, keine konkrete Verbindung zum 11.September beweisbar ist.
Umso verwunderlicher ist es, daß die europäischen Alliierten den Kriegsvorbereitungen ruhig zusehen. Die Briten preschen noch weiter vor und sind die ersten, die ihre Soldaten für einen Irak-Krieg trainieren. Tony Blair wird somit seinem Spitznamen "Bush's Pudel" wieder voll gerecht.
Unbehagen bereitet auch der Zusammenhang zwischen den Kriegsvorbereitungen und der schlechten US-Wirtschaftslage. Schon weisen Kommentatoren darauf hin, daß Krieg schon immer die Ökonomie belebt hat und daß er von innenpolitischen Problemen ablenkt, mit denen Bush ja reich gesegnet ist. Und gewiß hat der US-Präsident auch die wichtigen Kongreßwahlen im November im Auge.
Dabei birgt ein Waffengang gegen den Irak große Gefahren. Militärisch ist er sicher zu gewinnen, aber um welchen Preis? Britische Generäle haben jetzt vor großen Verlusten gewarnt. Auch irakische Ex-Militärs, die sich vor kurzem trafen, haben einen Saddam-Sturz befürwortet, einen Krieg aber abgelehnt. Hochrangige US-Politiker touren dennoch durch die Region und versuchen die Bedenken der Anrainer zu zerstreuen. Türkei, Jordanien, Kurden _ alle werden großzügigst finanziell unterstützt oder mit sanften Drohungen zu einer Mitarbeit bewegt. Man kann sich offenbar einen Krieg auch kaufen.
Dabei haben die Amerikaner einen anderen Krieg, den gegen die Taliban und die al-Qaida-Terroristen in Afghanistan noch lange nicht beendet. Im Gegenteil: Die Sicherheitsstrukturen werden dort immer fragiler, die Warlords immer eigenmächtiger. Und die Berichte über militärische Fehlschläge der USA - mindestens 800 Zivilisten sollen "irrtümlich" getötet worden sein -, verstärken die antiamerikanischen
Ressentiments im Land, und unterminieren damit die Position des ohnehin als Washington-Lakaien stigmatisierten Staatschef Karsai immer mehr.
Anstatt massiv in die völlige Befriedung und den wirtschaftlichen Wiederaufbau Afghanistans zu investieren, basteln die US-Strategen an einem zweiten Waffengang mit ungewissem Ausgang. So könnte es nur zu leicht passieren, daß die Weltmacht USA in nicht allzu ferner Zukunft vor zwei Scherbenhaufen steht.

Rückfragen & Kontakt:

***OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER
VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

OTS0122 2002-07-22/18:46

221846 Jul 02

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/OTS