DER STANDARD-Kommentar:"Insolvenz der Goldgräber: Worldcom & Co haben auch das Vertrauen in die seriöse US-Wirtschaft angeknackst" (von Eric Frey) - Erscheinungstag 23.7.2002

(ots) - Keine einzige Telefonleitung wurde in den USA am Montag abgedreht, in keinem Büroraum gingen die Lichter aus. Ein Gläubigerschutzverfahren nach "Chapter 11" des US-Insolvenzrechtes, das der Telekomriese Worldcom am Wochenende beantragte, ist ein antiklimaktisches Ereignis. Das kranke Unternehmen wird unter die Aufsicht eines Richters gestellt, der von nun an Gläubigerinteressen zu wahren hat, und arbeitet sonst wie gewohnt weiter - oft unter altem Management. Dem Gesetzgeber geht es dabei nicht um den Erhalt der Arbeitsplätze, die rapid abgebaut werden, sondern um eine zweite Chance für ins Trudeln geratene Unternehmenskonzepte. Ob Worldcom diese nützen kann, wird sich erst nach Monaten herausstellen.

Die Pleite des einstigen Paradeunternehmens ist dennoch ein wirtschaftliches und politisches Schlüsselereignis. Stärker noch als der Kollaps von Enron signalisiert es das Ende einer Goldgräberära, in der in der US-Wirtschaft alles möglich schien.

Vergessen wir nicht: Vor zehn Jahren - Bush Vater saß damals im Weißen Haus - schienen die USA wirtschaftlich am Boden. Japan und Deutschland, so zahlreiche Experten, würden die Welt zur Jahrtausendwende ökonomisch dominieren. Doch dann setzte eine unerwartete Renaissance ein: Die unter Ronald Reagan begonnene Deregulierung in der Telekommunikation und im Transport trug Früchte, unter dem Druck des "Shareholder-Value" wurden behäbige Großkonzerne schlank und flexibel, und neue, flache Hierarchien setzten kreative Energie frei. Und dann kam das Internet, das nicht nur völlig neue Unternehmensideen ermöglichte, sondern auch das interne Management bestehender Firmen auf den Kopf stellte.

Plötzlich war alles Altväterliche "out", Erfahrung und Fachwissen eine einzige Last, während junge Leute selbst von seriösen Anlegern Milliarden einkassierten, wenn sie neue Ideen mit genügend Elan vortrugen. Das Ende des Krawattenzwanges - selbst in den Führungsetagen vornehmer Banken - wurde zum stärksten Symbol dieser Ära.

Die neuen Technologien haben viel von dem gehalten, was sie versprochen haben, die Managementmodelle aber nicht. Mit der Krawatte wurden auch traditionelle Werte wie Vorsicht und Ehrlichkeit abgestreift, ohne die kein Wirtschaftssystem längerfristig Erfolg haben kann. Vertrauend auf den in den USA ausgeprägten Anlegerschutz, haben selbst erfahrene Geldverwalter das falsche Spiel nicht durchschaut.

Mit dem Kollaps von Enron, Global Crossing, Worldcom und all den anderen Unternehmen mit Western-Mentalität sollte eigentlich die Stunde des ehrenwerten Kaufmanns wiedergekommen sein, dem Anleger ihr Geld ruhig anvertrauen können - etwa des legendären Langzeit-Investors Warren Buffett, der vor kurzem erstmals einen größeren Betrag in eine Technologiefirma investiert hat.

Doch angesichts der vielen Skandale und Kursverluste ist inzwischen das grundsätzliche Vertrauen in die US- Unternehmenskultur angeknackst, wie sich in den purzelnden Aktienkursen zeigt. In dieser tiefen Vertrauenskrise, die auch auf Europa übergreift, wären klare Signale der Regierungen gefragt - nicht etwa der Hinauswurf von Spitzenmanagern aus Gründen der Wahlkampftaktik wie zuletzt in der Deutschen Telekom, sondern ein Mix aus Aussagen und Maßnahmen, die den Anlegerschutz wieder in den Mittelpunkt des Börsenlebens stellen.

Doch dazu scheint die Bush- Regierung mit ihren zahlreichen Verwicklungen in dubiose Unternehmenstransaktionen kaum fähig. Wenn Präsident Bush nun die grundsätzliche Stärke der US-Wirtschaft anpreist, klingt er bedrohlich ähnlich wie Herbert Hoover, der nach dem Börsenkrach von 1929 die Wirtschaft als "fundamental intakt" bezeichnete. Der US-Kapitalismus ist noch lange kein Insolvenzfall, aber wenn nicht rasch gehandelt wird, drohen auch die Errungenschaften der vergangenen zehn Jahre wieder verloren zu gehen.

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