"Die Presse" Kommentar: "Karlsplatz: Ein Kunstproblem?" (von Hans Haider)

Ausgabe vom 22.7.2002

Wien (OTS) Der Karlsplatz in Wien: eine unendliche Mißerfolgsgeschichte der
Stadtplanung, eine Spitzenadresse der "Giftler", Zielpunkt erbarmenswerter Kranker, Unbehauster, tagsüber Aufmarschweg von Volks- und Handelsschülern und Technikstudenten. Die spätabendliche Suppenausspeisung in der U-Bahn-Passage trennt nur eine Rolltreppenumdrehung von der noblen Café-Terrasse der kommunalen Kunsthalle, vom Edeldesign der Secession. Die schönen Menschen oben tragen vornehmlich Schwarz als Lieblingsfarbe, der Gypsy-Look unter der Erde ist authentisch (ein Lieblingswort im Kulturbetrieb).
Der Wiener Magistrat hat nun dem üblen Image den Kampf angesagt. Unterm Markenzeichen "Kunstplatz Karlsplatz " will er das Niemandsland zwischen den Bezirken I, IV und VI "aufwerten" und bewerben. Beim Bau der U-Bahn-Umkehrschleife blieben nämlich 4000 Quadratmeter Nutzfläche unter der Erde leer. Dort sollen Kunstausstellungen in Permanenz besseres Publikum anlocken und -verstärkt durch die üblichen Events in Secession, Musikverein, Künstlerhaus, städtischem Historischen Museum - die Störenfriede urbanen Frohsinns verdrängen.
Kunst statt Polizei! Diese Idee mag zunächst entzücken. Für Herbst ist bereits ein Probelauf zu ebener Erde angesagt mit einer platzumspannenden Installation eines polnischen Künstlers zum Thema österreichische politische Vergangenheitsbewältigung. Doch das aktuelle soziale Problem wird dabei gemäß dem Florianiprinzip weitergeschoben in andere Stadtgegenden.
Die 4000 Quadratmeter zusätzlichen Kunstraums bringen freilich auch den ganzen Wiener Kunstbetrieb in Verlegenheit: Immer mehr Ausstellungsflächen wurden geschaffen, zuletzt im Museumsquartier. 2003 werden außerdem die neue Kunsthalle der Albertina eröffnet und der jetzt geschlossene Pavillon im Schweizergarten revitalisiert. All diese Kunstadressen müssen sich ein Publikum teilen, das zahlenmäßig kaum mehr wachsen wird. Eine plötzlich für die Kunst taugliche Kaverne unterm Karlsplatz überraschte: Hat man die Nutzung nicht schon vor Jahren festgelegt, als das U-Bahn-Bauwerk geplant wurde?
Kunstbunker sind immer ein Problem. Wer nicht glaubt, wie Tageslicht der Kunst schmeichelt, pilgere ins Essl-Museum nach Klosterneuburg. Dem neuen Kunstbunker drohen Folgekosten, die aus dem kommunalen Kunstbudget zu decken sind. Längst wissen die wirklich Kreativen, daß fast alles Geld dorthin fließt, wo sich die Gemeinde selber als Kulturbetreiber versucht.
Schon zweimal in den letzten hundert Jahren wurde der Karlsplatz umgekrempelt. Beide Male kamen Verlegenheitslösungen heraus: nach Otto Wagners Stadtbahn-Bau und nach dem ersten U-Bahn-Bau 1969 - 75. Seitdem wurde das Areal zusätzlich möbliert mit schlechten Skulpturen, Würstelständen, Ausstellungscontainern, temporären Marktfahrerbuden. Eine wirkliche Neugestaltung ist nicht in Sicht. Dem Vorplatz des Historischen Museums droht der Umbau in eine Gastronomie-Terrasse - auch sie nur ein Sommer-, ein Schönwettermodell auf diesem windigen Freiraum. Man kann sich schwer orientieren. Noch bis in die sechziger Jahre halfen die Karlskirche und die Allee als Leitpunkte, Leitlinien; doch Erinnerung daran wurde getilgt.
Mehr Kunstbetrieb, über und unter der Erde, will nun das urbanistische Vakuum kaschieren. Würde sich der Herr Bürgermeister wie der Kalif von Bagdad unerkannt unter die Leute vom Karlsplatz mischen, würde er sehen: Nicht Kunst fehlt dort den Wienern! Ist vielleicht unterm Karlsplatz Raum für Clubbings, Probelokale für Bands, Skater- oder Eislaufbahnen? Ein paar Meterchen blieben noch für die Ärmsten übrig.

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