Der Bedenkenträger-Cluster

WirtschaftsBlatt-Kommentar von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Solange Österreichs vermeintliche Staatsaffären lokal bleiben, entfalten sie sich zur unendlichen, aber ungefährlichen Operette. Die Debatte um das finanzielle Anspruchsniveau des freiheitlichen Politiker-Funktionärs Reinhart Gaugg gehört zu diesen Themen. Es ist dabei, unerschöpflich zu werden, unlösbar zu bleiben und eine ganze Menge vernünftiger Demokraten dorthin zu vertreiben, wo sodann "politisches Desinteresse" konstatiert wird. Mit anderen Worten: Die meisten Bürger in diesem Land verstehen die von Gaugg beanspruchten Einkommenssätze sowieso nicht und haben nicht zuletzt deshalb genug von der Politik.

Ein anderer Fall ist der des unseligen Volksanwalts Ewald Stadler. Er hat sich in einer Harmoniegruppe gestörter Deutschtümler Applaus geholt und mit der Undeutlichkeit, die FP-Politiker zur Perfektion entwickeln, Unvergleichliches verglichen, nämlich die Nazi-Zeit mit der folgenden Besatzungszeit.

Kurzum, das deutschnationale Element in der FPÖ gab ein Lebenszeichen. Es hat seine Wurzeln in dem 1949 aufgelösten, als Sammelbecken der Ex-Nazis verrufenen Verband der Unabhängigen (VdU), wirkte immer aufreizend, war aber andererseits nie kräftig genug, aus der Mini-Partei FPÖ die heutige mittelstarke Haider-Partei zu machen. Deren Hauptpotenzial ist nicht die Vergangenheit.

Aber wie die Automatik schon funktioniert, prompt löst selbst ein Stadler eine Affäre aus, die bis zur Staatsspitze alle beschäftigt, die zu Recht oder Unrecht von sich behaupten, sie seien wichtig.

Soeben ruft Stadler, der durch keinen seiner volksanwaltschaftlichen Akte je so bekannt geworden wäre und offenbar angenehm berührt ist, nach einer Historiker-Kommission. Sie soll die Verhältnisse während der Besatzungszeit 1945-1955 untersuchen.

Historiker sollen alles untersuchen. Leider zielt die aktuelle Debatte nicht auf Faktensuche, sondern Feindbildpflege ab. In der Wirtschaft gibt es einen Auto-Cluster und einen Holz-Cluster, in der Politik einen Bedenkenträger-Cluster. Er funktioniert spontan, ist vielfältig und gehört zum unproduktiven Sektor des Landes.

Man versuche einmal, den semantischen Unterschied zwischen Befreiung und Besatzung einem burgenländischen Weinbauern nahe zu bringen, der erlebt hat, wie die Rote Armee beim Vorstoss Richtung Wien das Land befreite. Er weiss es ohne Historikerkommission und wird nach dem lauten Aufmarsch der Gerechten, sollte er dies bisher nicht getan haben, beim nächsten Mal eher FPÖ wählen.

Rückfragen & Kontakt:

***OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER
VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

OTS0160 2002-07-19/16:26

191626 Jul 02

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB/OTS