Oberösterreichische Nachrichten Kommentar 19. Juli 2002 "Vereinsmeier: Ja bitte" von Karl Danninger

Man kann natürlich jene apolitische Haltung einnehmen, die im Vereinsmitglied nur den Vereinsmeier sieht. Aber der Spötter möge bedenken: Nur in totalitären Systemen ist er befreit von dem ihm missliebigen Typus des Vereinsmeiers.
Seit 1. Juli ist ein neues Vereinsgesetz in Kraft, durch das bürokratische Hürden für die Vereinsbildung und das Vereinsleben abgebaut worden sind. Wären die Vereinsmitglieder in einer Partei zusammengefasst, hätten sie Chancen, mit den Nichtwählern um den ersten Platz zu rittern. Laut einer Fessel+GfK-Umfrage geben 36 Prozent an, aktiv in Vereinen tätig zu sein. Weitere 14 Prozent sind grundsätzlich an einem solchen Engagement interessiert.
Der Staat kann dankbar sein 1 angesichts seiner pausenlosen Überforderung. Denn die 36 Prozent, die sich als Vereinsmeier deklarieren, handeln in der Regel rascher, freier und phantasievoller als der Staat, wie dies auch der ehemalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog in einer Diskussion bestätigt hat. Die 36 Prozent ersetzen überdies eine Menge Beamte.
Aus vordergründigen Erwägungen wird die vom Vereinswesen getragene Bürgergesellschaft abschätzig behandelt. Der Begriff hat einen pejorativen Beiklang, genauso wie der des Vereinsmeiers. Doch blenden wir in jene Staaten, die vor gut einem Jahrzehnt den Kommunismus abschütteln konnten und sich nun auf den Beitritt zur Europäischen Union vorbereiten. Die Bürgergesellschaft habe, so resümierte der ehemalige slowakische Staatspräsident Michal Kovac, in den postkommunistischen Staaten besonders große Bedeutung.

Womit wir beim Kernelement der Argumentation sind: Nicht das Zwangskollektiv, sondern die freie Gesellschaft trägt den Staat am humansten. Aber dazu braucht sie Infrastruktur. In den Reformländern des ehemaligen Ostblocks sieht man, dass die freie Gesellschaft mangels eines funktionierenden Vereinslebens noch sehr schwach in der Mentalität der Menschen verankert ist. Falls sich die Bildung einer neuen menschlichen Solidarität verzögern sollte, besteht die Gefahr, dass entweder die organisierte Korruption zur tragenden Säule wird oder dass es zu einer Renaissance
eines National-Kommunismus kommt. Beides würde den Zugang zur EU erschweren.
Gleichzeitig ist auch die so genannte freie Gesellschaft des Westens in einer Krise. Die alten bestimmenden Faktoren werden in Frage gestellt, beispielsweise die politischen Parteien oder die Kirchen. Falls diese Faktoren nicht durch neue ersetzt werden B und einer davon wäre die auf der Vereinsstruktur aufbauende Bürgergesellschaft N, läuft die Gesellschaft Gefahr, entweder in eigener Überforderung zu ersticken oder in einen unmenschlichen Polizeistaat zu schlittern.

Um diesen Gefahren zu begegnen, bedürfte das Vereinsrecht noch Ergänzungen. Etwa durch sozialrechtliche Absicherung jener Menschen, die von gedankenlosen Zeitgenossen abschätzig eVereinsmeier1 genannt werden. Verachtet sie nicht!

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OTS0191 2002-07-18/18:39

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