Weltkongress: Wie flexibel ist der Mensch?

Psychische Belastungen durch Flexibilität am Arbeitsplatz steigen weiter an

Wien (ÖGB). "Der Mensch ist an sich ein flexibles Wesen, doch nicht bis zur Unendlichkeit. Das Verunsicherungspotential der ArbeitnehmerInnen nimmt derzeit enorm zu: Zum einen durch die Flexibilisierung der Arbeitswelt, aber auch durch globale, ökologische und private Faktoren wie die hohe Scheidungsrate." So beschrieb Dr. Albert Kaufmann, Leiter der Otto-Möbes-Akademie in Graz, die Situation der ArbeitnehmerInnen angesichts der zunehmenden Flexibilisierung der Lebens- und Arbeitswelt. In seinem Vortrag am 3. Weltkongress für Psychotherapie in Wien betonte er, dass Flexibilität eine Anforderung des "Raubtierkapitalismus" sei, der ArbeitnehmerInnen nur mehr als Kostenfaktoren auf zwei Beinen betrachte.++++

Die Gewerkschaften seien hier der letzte Störfaktor im hemmungslosen Durchsetzen von Unternehmensinteressen, stellte Kaufmann weiter fest. Der Psychoanalytiker Alfred Pritz beleuchtete dagegen die Rolle der Psychotherapie in der Arbeitswelt. "Es gibt Formen von Arbeit, die psychisch ungesund sind. Dazu zählen monotone, entfremdete Tätigkeiten und Arbeiten unter Zeitdruck", sagte er im Rahmen des ÖGB-Symposiums "Der flexible Mensch - Chancen und Risiken in einer veränderten Arbeitswelt" beim Weltkongress. Seelisch krank machende Arbeit habe nicht nur persönliche Folgen, sondern treffe auch die Volkswirtschaft. Jährlich würden fünf Prozent des Bruttosozialproduktes durch psychisch bedingte Krankenstände und Arbeitsunfähigkeiten vergeudet, so Pritz.

Arbeitsverhältnisse auf Zeit erzeugen Stress

"51 Prozent der ArbeitnehmerInnen, die weniger als ein Jahr im Unternehmen tätig sind, haben befristete oder Zeitarbeitsverhältnisse. Daraus resultiert eine Unsicherheit im Arbeitsbezug, die das Selbstbewusstsein beeinträchtigt", deutete Pritz die Ausführungen der ArbeitnehmerInnenschutz-Expertin der Gewerkschaft der Privatangestellten, Barbara Libowitzky.

Diese Flexibilisierung im Arbeitsbezug bringe beträchtliche Nachteile mit sich. "Wer in einem Zeitarbeitsverhältnis beschäftigt ist, hat weniger Einfluss auf die Arbeitsbedingungen und ist von der Teilnahme an Aus- oder Weiterbildungsmaßnahmen weitgehend ausgeschlossen. 30 Prozent der ZeitarbeiterInnen geben an, ständig mit hohem Tempo zu arbeiten, mehr als die Hälfte erklärt, keinen Einfluss auf das eigene Arbeitstempo zu haben", führte Libowitzky aus.

Auch in fixen Arbeitsverhältnissen sei durch die Flexibilisierung mehr Zeitdruck zu bemerken, so Libowitzky. "60 Prozent der ArbeitnehmerInnen arbeiteten im Jahr 2000 unter großem Zeitdruck, das sind um 10 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor", zitierte die Expertin eine Studie der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens-und Arbeitsbedingungen. Durch den Druck steige sowohl das Risiko für körperliche Schmerzen als auch für psychische Krankheiten durch Stress enorm an, schloss Libowitzky.

ÖGB, 18. Juli 2002
Nr. 609

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