DER STANDARD-Kommentar: "Lateinamerikas rasante Talfahrt: Nach Argentinien gerät nun die gesamte Region ökonomisch und sozial in die Krise" (von Erhard Stackl) - Erscheinungstag 17.7.2002

(ots) - Mit gewalttätigen Protesten und der Verhängung des Ausnahmezustandes ist Paraguay als weiteres lateinamerikanisches Land in eine schwere Krise geschlittert. Nur auf den ersten Blick geht es um einen Konflikt der gewählten Regierung mit Anhängern eines ins Ausland geflüchteten Putschgenerals. Auslöser sind, wie in Uruguay und vor allem in Argentinien, die rasante Talfahrt der Wirtschaft, eine Bankenkrise und die Angst vieler, nach der Erholung in den Neunzigerjahren wieder in Armut zu stürzen.

Zum Jahreswechsel, als Argentinien mit einer Staatsschuld von 141 Milliarden Dollar spektakulär zusammenkrachte, hofften Experten noch, dass dies ein auf lokale Misswirtschaft zurückzuführendes Einzelereignis bleiben werde. Der als Krisenmanager ernannte Präsident Eduardo Duhalde hob die Bindung des Peso an den Dollar auf. Seither hat die Landeswährung drei Viertel ihres Wertes verloren, die Preise für Grundnahrungsmittel wie Weizen und Speiseöl stiegen um mehr als das Doppelte, die Proteste hörten nicht auf.

Die weltweit schwache Konjunktur ließ auch in anderen Staaten der Region die Exporterlöse schrumpfen. Neue Kredite zur Zahlung der Auslandsschulden werden immer teurer. Ausländische Anleger sind skeptisch geworden und investieren kaum noch frisches Geld.

Scharfe, nun überall angeordnete Sparprogramme führen zu massivem Unmut in der Bevölkerung, so in Ecuador oder auch in Peru, wo die Zustimmung zu dem vor einem Jahr als Rückeroberer der Demokratie gefeierten Präsidenten Alejandro Toledo auf 16 Prozent gefallen ist.

Im ökonomisch ebenfalls schwer angeschlagenen Ölexportland Venezuela reagiert Präsident Hugo Chávez auf Straßenproteste nun mit der trotzigen Behauptung, mit Gottes Hilfe bis 2013 regieren zu wollen. Im Bürgerkriegsland Kolumbien gibt es täglich Tote; die Auseinandersetzung mit der Guerilla verläuft kurz vor Amtsantritt des neuen, als Hardliner geltenden Präsidenten Alvaro Uribe so blutig wie schon lange nicht.

Eine positive Wirtschaftsentwicklung ohne gröbere soziale Turbulenzen gibt es nur in Chile und - vorerst noch - in Brasilien. In Mexiko, wo die Wirtschaftsleistung im ersten Halbjahr zurückging, versucht Präsident Vicente Fox durch massive Privatisierungen (u. a. der Fluglinien), die Staatseinnahmen zu erhöhen. Fox" Idee, Mexiko wirtschaftlich näher an Argentinien heranzurücken, wird von den Wirtschaftstreibenden wegen der drohenden Ansteckungsgefahr abgelehnt.

In Argentinien selbst hat Präsident Duhalde unter dem Eindruck anhaltender Proteste den Termin für Neuwahlen um sechs Monate auf März 2003 vorverlegt. Vorwahlen für den Kandidaten der noch immer mächtigen Peronisten sind noch heuer fällig. Seit es der Provinzgouverneur und frühere Formel-1-Star Carlos Reutemann abgelehnt hat, seine Popularität in die Waagschale zu werfen, kommt Carlos Menem wieder ins Spiel. Menem, Präsident 1989-1999, fuhr bis zu seinem Absturz in Korruptionsaffären einen neoliberalen Kurs. Er gilt aber als Populist, dem auch linke und nationalistische Töne zuzutrauen sind.

Das Beispiel Boliviens, wo der sozialistische Kokapflanzer Evo Morales in Präsidentschaftswahlen unerwartet den dritten Platz erreichte, löste bei solche Entwicklungen Fürchtenden bereits Alarm aus. Alles schaut jetzt auf Brasilien, die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas. Wenige Monate vor den Präsidentenwahlen im Oktober schwanken die Börsenkurse dort gegenläufig zu den Umfragewerten des führenden Kandidaten, des Altlinken Luis Inácio Lula da Silva.

"Lula" hat bereits angekündigt, als Sieger die Rückzahlung von Brasiliens Auslandsschulden von umgerechnet 253 Milliarden Euro neu aushandeln zu wollen. Riskiert er einen Konflikt mit den internationalen Finanzinstitutionen, so könnte dieser die Probleme Argentiniens weit in den Schatten stellen und sogar auf die globale Wirtschaft Auswirkungen haben.

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