"Presse"-Kommentar: Das Humpeln des Machers (von Andreas Schwarz)

Pressestimmen/Vorausmeldung/Wirtschaft

"Presse"-Kommentar: Das Humpeln des Machers (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 15. Juli 2002

Wien (OTS). Wenn's nicht läuft, dann läuft's nicht. Diese bittere Erfahrung muß
derzeit Gerhard Schröder machen, der zwei Monate vor der deutschen Bundestagswahl nicht vom Fleck kommen will. Und der mit der Entwicklung um die Spitze der maroden Telekom auch noch eines seiner wenigen Atouts, sein Macher-Image, zu verspielen droht.
In Wahrheit wolle er ja auch gar nichts machen, beteuert der deutsche Bundeskanzler, also sich nicht einmischen in die privatisierte Telekom. Aber das Gegenteil ist natürlich wahr. Der Konzern hat seit seinem Börsegang drei Millionen Deutsche zu Aktionären und die meisten von ihnen durch den Sturz der Aktie um 90 Prozent zu Verlierern gemacht. Um diese vor den Wahlen freundlich zu stimmen, bastelte Schröder (die Regierung ist größter Aktionär) hinter den Kulissen an der Ablöse des in Ungnade gefallenen Telekom-Chefs Ron Sommer.
Der geplante Paukenschlag mit einem aushäusigen neuen Manager scheiterte aber, weil sich keiner auf das Himmelfahrtskommando einlassen wollte. Jetzt will der Aufsichtsrat einen hausinternen Nachfolger für Sommer küren; der will nicht abtreten, weil er sich keiner Schuld bewußt ist, und startet zum medialen Gegenangriff; und Gerhard Schröder steht ramponiert da: Die Nichteinmischung glaubt ihm keiner, die Einmischung ging nicht ganz so, wie geplant, und das kurzfristige Steigen der Telekom-Aktie hätte er sich anders vorgestellt (und gerne seinem Handeln zugeschrieben).
So kann's gehen, wenn man dreieinhalb Jahre wirtschaftspolitische Konzeptlosigkeit in den letzten Monaten vor der Wahl mit Populismus wiedergutmachen will. Auch Schröders Coup mit der Hartz-Kommission für eine neue Arbeitsmarktpolitik ging ja eher nach hinten los - zu durchsichtig ist das Ärmelaufkrempeln fünf vor zwölf. Und die jüngsten Attacken des Bundeskanzlers auf die "neoliberalen Tendenzen in der EU-Kommission" fallen unter das Kapitel "Die tägliche Ohrfeige für Brüssel" - ein Programm, mit dem sich sonst ganz andere Populisten Stimmen erhoffen.
Es läuft nicht, in der Tat. Und beim Humpeln macht Schröder eine denkbar unglückliche Figur.

Rückfragen & Kontakt:

***OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER
VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

OTS0034 2002-07-14/17:52

141752 Jul 02

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/von Andreas Schwarz