Live auf Ö1: Premiere von Bohuslav Martinus Oper "Julietta"

Eröffnung der Bregenzer Festspiele im ORF

Wien (OTS) - Am Mittwoch, den 17. Juli werden die Bregenzer Festspiele 2002 eröffnet. Im "Journal-Panorama" ab 18.25 Uhr in Ö1 steht die Eröffnungsrede "Büro für Träume - oder die einfache Zukunft" des Schriftstellers und tschechischen Botschafters Jiri Grusa auf dem Programm: Die selten gespielte Oper "Julietta" und ihr Schöpfer Bohuslav Martinu stehen im Mittelpunkt des kulturhistorischen Essays, der als Plädoyer für ein bewusstes Leben in der Gegenwart verstanden werden kann. Die Premiere von "Julietta" überträgt Österreich 1 live ab 19.30 Uhr aus dem Festspielhaus. ORF 2 zeigt am Sonntag, den 21. Juli um 10.00 Uhr unter dem Titel "Die Liebe ein Traum" ein Making off der Oper.****

Die dreiaktige Oper "Julietta" entstand während Martinus Pariser Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg. Das Theaterstück "Juliette ou La Clé de songes" des Surrealisten Georges Neveux, 1930 in Paris uraufgeführt, war heftig umstritten. Martinu fand viel Gefallen daran und schrieb - eng angelehnt an den französischen Text von Neveux -ein Libretto in tschechischer Sprache, das er in den Jahren 1936/37 vertonte. Am 16. März 1938 dirigierte Václav Talich die Uraufführung der "Julietta" am Nationaltheater in Prag. Bohuslav Martinu und Georges Neveux konnten sich über einen großen Erfolg freuen, der nicht zuletzt durch die intensive Zusammenarbeit des Dirigenten mit dem Regisseur J. Honzl und dem Bühnenbildner F. Muzika zustande kam.

Bei einem Stück dieser Art ist die "Verzahnung" von Bühne und Orchestergraben von entscheidender Bedeutung. Flexibel unterstreicht die Musik die Dramaturgie des Stücks. Vorherrschend ist eine Art Sprechgesang, es gibt aber auch gesprochene Passagen ohne Musik und -als "Gegenpol" - Melodiebildungen, die durchaus mit traditionellen Opernarien und -ensembles zu vergleichen sind. Reiche Orchesterfarben, subtile Rhythmik, Echowirkungen, Bühnenmusik, ein Akkordeon auf der Szene - Martinu bietet alles Erdenkliche, um den Besonderheiten und Eigengesetzlichkeiten des Traumspiels gerecht zu werden.

Österreich 1 überträgt am 17. Juli die Premiere von Bohuslav Martinus "Julietta" aus dem Festspielhaus in Bregenz live, Beginn:
19.30 Uhr. Es wirken mit: Bregenzer Festspielchor und Kornmarktchor, Wiener Symphoniker, Dirigent: Dietfried Bernet, Eva-Maria Westbroek (Julietta), Johannes Chum (Michel), Eberhard F. Lorenz (Kommissar, Waldhüter, Beamter), Matteo de Monti (Mann mit Helm, Händler mit Erinnerungen, Sträfling), Richard Salter (Mann am Fenster, Altvater Jugend, Nachtwächter), Adalbert Waller (Alter Araber, Alter Mann, Alter Matrose), Susanne Reinhard (Kleiner Araber, 1. Herr, Handleser, Junger Matrose) sowie Valentina Kutzarova, Astrid Monika Hofer, Hanna Fahlbusch-Wald, Sulie Girardi und Burkhard Ulrich.

Der Traum von Julietta

"Sprechen Sie leise, man weiß nie. In dieser Stadt, wo es keine Erinnerungen gibt, horchen alle hinter den Fenstern, um sich die Erinnerungen von anderen zu eigen zu machen." Michel, ein Buchhändler aus Paris, erst seit kurzem in der Stadt, ist gewarnt. Vor einiger Zeit schon war er hier, und damals hörte er eine wunderschöne Frau ein Liebeslied singen. Seither treibt ihn eine unwiderstehliche Sehnsucht an den Ort zurückzukehren, um die Frau wieder zu finden. Doch seltsame Dinge ereignen sich seit seiner Ankunft. Es ist, als ob alle Bewohner gleichsam ihr Gedächtnis verloren hätten und auf Erinnerungen von Neuankömmlingen angewiesen seien. Da sich Michel an die Spielzeug-Ente seiner Kindheit erinnern kann, wird er unverzüglich zum Bürgermeister ernannt. Als er wenig später fürchtet, eine wichtige Versammlung versäumt zu haben, erweist sich die Ernennung als bedeutungslos. Ein Weinhändler erfindet Märchen, um sie seinen Kunden als ihre eigene Lebensgeschichte einzureden. Ein Wahrsager sagt für zwanzig Kronen die Vergangenheit voraus. Manches scheint sich zu ereignen, ohne wirklich zu geschehen. In der geheimnisvollen Hafenstadt begegnet Michel nach langem Suchen seiner Traumfrau Juliette. Wie damals, als er sie zum ersten Mal getroffen hat, singt sie ein Liebeslied. Sie begrüßt Michel, als habe sie schon immer auf ihn gewartet. Gleichzeitig entzieht sie sich ihm, bleibt auf seltsame Weise ungreifbar und unbegreiflich. Schließlich gelangt Michel in eine Art Reisebüro, wo sich ein Beamter nach strengen Regeln um Antragsteller zu kümmern hat: Er "bucht" die Träume für die, die eingeschlafen sind. Und er hat dafür zu sorgen, dass sie das Gebäude, in dem sich das Büro befindet, sofort wieder verlassen, wenn ihre Träume zu Ende sind. Auch Michel wird aufgefordert, ins Alltagsleben zurückzukehren. Doch er hört immer noch die Stimme von Julietta, sieht wieder die Hafenstadt und ihre Bewohner ... Träume sind es, Traumbilder - für Bohuslav Martinu eine "außerordentlich schöne und poetische Fantasie". Solche Stoffe liebte er für seine Opern.

Der Komponist Bohuslav Martinu

Das Leben Bohuslav Martinus gleicht einer Romanhandlung. 1890 in der ostböhmischen Stadt Policka geboren, als Sohn eines Glöckners und Turmwächters, wuchs er im Kirchturm seines Heimatortes auf. Immer wieder stieg er die 193 Stufen, die vom Kirchplatz zur Wohnung der Familie führten, auf und ab, als er die Schule besuchte und auch erste Violinstunden nahm. Als Instrumentalist entwickelte er sich rasch, und seine Familie hoffte, er würde ein Violinvirtuose wie Jan Kubelik werden. Doch nach und nach verlagerte sich sein Interesse vom Violinspiel auf das Komponieren. Nach einem vielversprechenden autodidaktischen Beginn wurde er in Prag von Josef Suk unterrichtet. Ein Stipendium ermöglichte ihm, im Jahr 1923 nach Paris zu gehen. Hier lernte er von Albert Roussel, hier ließ er sich von Igor Strawinsky anregen und von der "Groupe des Six" (Milhaud, Poulenc, Honegger u. a.), und bald avancierte er zum international anerkannten Komponisten.

1939 wurde er von den Nazis auf die Schwarze Liste gesetzt, was für ihn hieß, Paris 1940 verlassen zu müssen. Er zog sich zunächst nach Südfrankreich zurück. Über Marseille gelangte er schließlich nach Lissabon. Und als der Ozeandampfer "Exeter" am 21. März 1941 Portugal mit Kurs auf New York verließ, waren Bohuslav Martinu und seine Frau an Bord. Ihm, dem Emigranten, der nach wie vor stark in seiner böhmischen Heimat verwurzelt war, fiel es ganz und gar nicht leicht, in den USA Fuß zu fassen. Doch Sergej Kussewitzkys Auftrag, für das Boston Symphony Orchestra Symphonien zu schreiben, brachte ihm neue Kraft und Motivation und auch nachhaltigen Erfolg. Die politische Lage in der Tschechoslowakei nach dem Krieg erwies sich als äußerst ungünstig für eine Rückkehr nach Prag. Das Leben Martinus wurde zur Odyssee: New York, Paris, Nizza, Rom. Im September 1957 ging Martinu schließlich in die Schweiz. Im August 1959 starb er in Liestal bei Basel.(ih)

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