Oberösterreichische Nachrichten Kommentar "Die Freiheit des Scheiterns" von Meinhard Buzas

Die Bevölkerung Mitteleuropas altert rasch, wird zunehmend heiratsunwillig, schafft sich immer weniger Kinder an und ist unterwegs zur Single- und zur Scheidungsgesellschaft. Österreich passt in dieses von Demoskopen gezeichnete Bild fast hundertprozentig hinein.
Die neuen Zahlen über die Scheidungsrate in unserem Land zeigen den bisherigen Gipfelpunkt einer Entwicklung, die vor 20 Jahren eingesetzt und sich schleichend, aber stetig fortgeschrieben hat. Über die Tatsache, dass beinahe schon jede zweite jetzt geschlossene Ehe in einigen Jahren wieder auseinandergehen wird, ließe mit einem achselzuckenden
Na und?? hinweggehen, wäre nicht auch die Freiheit
des Auseinandergehens Spiegel einer galoppierenden Umwälzung, die so gut wie alle Facetten gesellschaftlichen Lebens erfasst hat.

Dass Scheidung nicht mehr brandmarkt und stigmatisiert wie früher (ausgenommen im katholisch-religiösen Bereich), hat das Abbröckeln einst traditioneller Formen des Zusammenlebens beschleunigt, ist aber kaum Hauptursache dafür, dass sich immer mehr von angeblich beengenden, sehr oft bloß Verantwortung scheuenden Beziehungen abwenden. Zusammenleben lässt sich nicht verordnen, es lässt sich nur in einem mühsamen Prozess erlernen. Je lauter Lernfähigkeit im beruflichen Prozess gefordert wird, desto rarer scheint sie im privaten Bereich zu werden.
Auch wenn sie, wie es so schön heißt, einvernehmlich getrennt werden, haben Ehen, die auseinandergehen, oft hässliche, für Kinder durchwegs schmerzvolle, auch vielfältige materielle Folgen. Es bedarf keiner plakativen Rosenkriegs-Schilderungen in Hochglanzmagazinen, um das zu erkennen, es genügt das oft Jahre dauernde Gezerre und Gestreite um Kinder, Besuchsrechte, Finanzen, Wohnung, Unterhalt. Zurück bleiben fast immer Verletzungen und Enttäuschungen. Was kommt, sind ganz handfeste Probleme. Diese Erfahrung konnten auch höchst prominente aktive oder frühere Repräsentanten unseres Staates machen.
Dass immer mehr Menschen das Risiko einer staatlich oder kirchlich abgesegneten Beziehung schon von vornherein gar nicht mehr eingehen wollen, hängt unmittelbar damit zusammen. Es ist illusorisch, zu glauben, politische, familienfördernde Maßnahmen könnten daran viel ändern. Nur: Die Trennungen der Zukunft werden zwar in keiner Statistik aufscheinen, aber deswegen nicht viel schmerzloser sein.

Es mutet in diesem Zusammenhang höchst widersprüchlich an, dass Jugendliche in Umfragen neben dem Wert der Freundschaft besonders den der Familie preisen. Das lässt zwei Interpretationsmöglichkeiten offen: Entweder projizieren sie Vorstellungen, die zu erfüllen sie in Wahrheit nicht bereit oder fähig sind, in solche Befragungen hinein. Oder diese Bekenntnisse sind nicht nur bloß so dahingesagt, sondern ernst gemeint. Das würde bedeuten, dass das Pendel

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OTS0233 2002-07-10/17:11

101711 Jul 02

Oberösterreichische Nachrichten

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