"Die Presse" - Kommentar: "Der Sonnwend-Stadler" von Andreas Unterberger

Ausgabe vom 9.7.2002

WIEN (OTS). Österreich geht in die vielleicht wichtigste Parlamentswoche des Jahres. Eine historische Universitätsreform -wie auch immer die Beteiligten sie bewerten mögen - steht auf der Tagesordnung. Die Regierungsparteien ringen um eine notdürftige Schließung der Lücken im kranken Gesundheitssystem. Gleichzeitig wird eine extrem sensible Strafrechtsmaterie neu geordnet, nämlich ob und wie der Staat die Sexualität der 14- bis 16jährigen behandeln soll, beziehungsweise deren Ausnutzung durch erwachsene Partner. Dazu kommen globale Krisen von Amerikas Angriffsplänen gegen Irak bis zur Welt-Aids-Konferenz.
Dennoch beherrscht seit Tagen ein ganz anderes Thema viele Fernsehsendungen: die Rede des freiheitlichen Politikers Ewald Stadler bei einer Sonnwendfeier. Es war eine unsäglich dumme Rede, in der in wildester Biertischmanier mit unverdauten Elementen aus der österreichischen Geschichte herumgeworfen wurde, in der die Befreiung vom Nationalsozialismus, der bei Stadler ein "Faschismus" ist, mit der "Befreiung" von der österreichischen Selbständigkeit durch den EU-Beitritt in eine Reihe gestellt wurde. Es war eine Rede, in der von der Vertreibung der Sudetendeutschen bis zur amerikanischen Nahostpolitik alles so im Vorbeigehen irgendwie abgewatscht wurde, aber - natürlich - nicht die Verbrechen des Nationalsozialismus.
Eine krause Sicht der Geschichte. Eine Sicht, die man so wohl nur vorträgt, wenn man glaubt, ganz unter sich zu sein, eben nur unter den Teilnehmern einer FPÖ-Sonnwendfeier. Bei so viel verbaler Dummheit fällt dem Wiedererfinder des "wehrhaften Christentums" gar nicht die Dummheit auch der ganzen Situation auf. Denn Stadler sprach nicht bei einer christlichen Zeremonie, sondern im Gegenteil bei einem Feuer mit rein heidnischer Vorgeschichte.
Würde man Stadler wirklich ernst nehmen, müsste man ihm seitenlang viele historische Fakten vorhalten. Hier sei nur auf eine eingegangen, bei der nämlich Stadler durchaus auch ein Körnchen Wahrheit in seinen Sonnwendstrudel eingebacken hat: auf den Vergleich der Jahre vor und nach 1945. Denn im Osten Österreichs sind mit der sowjetischen Herrschaft ja keineswegs uneingeschränkt Demokratie, Rechtsstaat und Freiheit ausgebrochen. Es hat der Kommunismus - freilich in globaler, China wie Kambodscha oder Kuba einschließender Sicht - sogar noch mehr Opfer als der Nationalsozialismus gefordert. Es ist auch unakzeptabel, wie wenig moralische Aufarbeitung dieser Verbrechen in Europa, besonders Mittelosteuropa stattfindet, wie leicht ehemalige KP-Funktionäre den Wechsel in führende Positionen des neuen Systems gefunden haben, wie oft selbst in der demokratisch gefestigten Bundesrepublik eine auf Reue weitgehend verzichtende Partei wie die PDS in Koalitionen schlüpfen kann.
Dennoch: Gerade in Österreich ist die Zahl der Opfer, die Gräßlichkeit der Verbrechen, aber auch die Zahl der Schuldigen zwischen 1938 und 1945 mit keiner anderen Periode der Geschichte auch nur annähernd vergleichbar. Lediglich Herr Stadler hat offenbar davon überhaupt nichts mitgekriegt.
Offen ist nur: Ist Stadler die Aufregung überhaupt wert? In der liberalen Demokratie muss es ja auch das Recht auf Dummheit (oder Charakterlosigkeit) geben. Solange Stadler nichts Strafbares getan hat, solange von ihm nicht irgendeine Gefahr für unser System zu befürchten ist - und von beidem sind wir weit entfernt -, müssten seine Absonderungen in einer gefestigten Demokratie binnen Sekunden wie ein Funke eines Sonnwendfeuers verglühen.
Eine intelligente Öffentlichkeit sollte sich irgendwann wieder den wirklichen Zukunftsfragen des Landes zuwenden. Und das sind die Universitäten genauso wie das Gesundheitssystem, nicht ein Herr Stadler. ENDE

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