Die beste Kontrollinstanz ist die Börse

WirtschaftsBlatt-Kommentar von Hans-Jörg Bruckberger

Wien (OTS) - Kaum ein Thema wird derzeit international heftiger diskutiert als die Problematik des Vertrauensverlustes an den ohnehin bereits angeschlagenen Börsen. Beinahe täglich wird ein neuer Fall von Bilanztrickserei bekannt und Experten suchen nach Lösungen. Im Zentrum ihrer Kritik stehen Bilanzierungsvorschriften, Wirtschaftsprüfer und Börsenaufsicht. Das ist auch gut so. Nur ein strenges Regelwerk und eine strenge Überprüfung seiner Einhaltung können verhindern, dass ein Unternehmen trickst. Um das Vertrauen der Anleger (zurück-)zu gewinnen, bedarf es allerdings weit mehr als nur der Einhaltung von Vorschriften.

Aktuelle Beispiele liefern leider auch österreichische Aktiengesellschaften. Unter ihnen gab es bislang keinen Fall von Bilanzmanipulation. Anstatt diese Gunst der Stunde zu nutzen, haben sich einige Konzerne aber selbst ins Abseits befördert. Einer ist EMTS. Dort kam das Geschäft unter Druck - was in einem schwierigeren Branchenumfeld keine Schande ist. Doch was tat das Management? Während Aussenstehende wie das WirtschaftsBlatt bereits berechneten, dass die von EMTS in Aussicht gestellten Jahreszahlen heuer einfach nicht mehr erreichbar sind, beharrte der Vorstand auf seinen Prognosen - um Wochen später doch die unumgängliche Gewinnwarnung auszusprechen.

Ähnliches geschah bei der VA Tech. Man musste kein Genie sein, um sich auszurechnen, dass der Konzern um die Abwertung seiner zehnprozentigen Beteiligung an einer Tochter des ins Trudeln geratenen Babcock Borsig-Konzerns nicht herumkommen werde: Die VA Tech hatte ihre Beteiligung mit 44 Millionen Euro in den Büchern stehen, inzwischen war der gesamte Babcock-Konzern an der Börse bereits weniger als 100 Millionen Euro wert. Und was taten die Linzer? Sie betonten stets, keinen Abwertungsbedarf zu sehen. Bis letzten Freitag. Da war dann plötzlich doch von "erheblichem" Abwertungsbedarf die Rede.

In beiden Fällen trifft die Manager an der Misere an sich keine Schuld. Anzuprangern ist ihre Informationspolitik. Ob bei EMTS oder VA Tech-Aktionäre, die "ihrem" Vorstand glaubten, sahen durch die Finger, die Aktien wurden geprügelt. Viel schlimmer sind aber die längerfristigen Auswirkungen. Eine VA Tech etwa notiert derzeit bei 24 Euro, einem reizvollen, weil gemessen an den Kurszielen der Analysten günstigen Einstiegsniveau. Während sie maximal 44 Millionen Euro abschreiben muss, verlor die VA Tech im Zuge des Babcock-Debakels bereits rund 100 Millionen Euro an Börsewert. Und doch wird sich manch ein Anleger ein Engagement nun drei Mal überlegen. Das ist ärgerlich.

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081630 Jul 02

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