DER STANDARD-Bericht: "Vranitzky denkt über Klestil-Nachfolge nach: SPÖ umwirbt Exkanzler wegen Kandidatur" - Erscheinungstag 6.7.2002

Wien (ots) - Franz Vranitzky, ehemaliger Bundeskanzler und Parteivorsitzender der SPÖ, befindet sich in einer "Nachdenkphase". Vranitzky überlegt, für die SPÖ ins Rennen um die Hofburg zu gehen. Ein ernstes Gespräch mit der Parteispitze in dieser Richtung fand am vergangenen Mittwoch statt. SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer wäre hocherfreut. Bis dahin hatte Vranitzky eine Kandidatur als Bundespräsident stets ausgeschlossen. Jetzt denkt er darüber nach, wie man dem beschädigten Amt des Bundespräsidenten wieder mehr Gewicht geben könnte.

Die offizielle Sprachregelung in der SPÖ lautet derzeit aber: "Diese Frage stellt sich nicht. Die SPÖ entscheidet erst nach der Nationalratswahl, wer bei der Bundespräsidentschaftswahl kandidiert." So sagt es Alfred Gusenbauer. Die Vorarbeiten für die Präsidentschaftswahlen haben aber parteiintern bereits begonnen. Vranitzky will allerdings nur für den Fall antreten, dass es eine Fortsetzung der schwarz-blauen Regierung gibt.

Andere in der SPÖ sagen mehr zum Thema Bundespräsidentschaftskandidatur - wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand: Wenn man Franz Vranitzky ernsthaft beknie, könnte er vielleicht zu einer Kandidatur bereit sein. Allerdings sei die Frage wirklich noch nicht entschieden, hänge sie doch auch von den Zukunftsplänen von Nationalratspräsident Heinz Fischer ab. Einerseits sei Fischer noch nicht sicher, ob er tatsächlich kandidieren wolle - zumal seine Frau absolut dagegen sein soll. Andererseits wiederum sei zu befürchten, dass eine mögliche Neuauflage von Schwarz-Blau der stärksten Partei SPÖ nicht mehr das Amt des ersten Nationalratspräsidenten zugestehen wolle. Aber auch das entscheide sich erst nach der Wahl.

Genau wie die Frage, ob der Mann mit Außenseiterchancen, Wolfgang Petritsch, österreichischer UNO-Botschafter in Genf, in eine SPÖ-Regierung - oder für andere Ämter infrage komme.

Erich Haider, SPÖ-Vorsitzender in Oberösterreich, ist einer der wenigen in der Partei, die es offen aussprechen: "Vranitzky wäre ein hervorragender Kandidat. Er vertritt eine konsequente politische Linie, hat Haltung, Erfahrung und könnte das Amt des Bundespräsidenten wieder aufwerten. Er ist eine starke und unabhängige Persönlichkeit, die allseits akzeptiert ist. Vranitzky ist immer für ein modernes und soziales Österreich eingetreten. Er wäre ein starker Bundespräsident und kann Leitlinien für Österreich vorgeben."

SPÖ-Klubobmann Josef Cap will darüber aber keine Diskussion - "nicht jetzt", wie er sagt, und zwar aus Respekt gegenüber dem amtierenden Bundespräsidenten. Cap: "Klestil amtiert und zwar sehr aktiv."

Der Politologe Fritz Plasser steht einer Kandidatur Vranitzkys skeptisch gegenüber. Ob dieser eine gute Wahl sei, hänge vor allem vom Gegenkandidaten der ÖVP ab. Prinzipiell, so Plasser, sei aber die "Ära Vranitzky" vorbei und "in nicht so glanzvoller Erinnerung, dass eine überragende Mobilisierung zu erwarten ist". Für den Politologen wäre die Kandidatur des Altkanzlers nur eines: "eine Kompromisslösung".

In der ÖVP deutet derzeit alles auf eine Kandidatur von Außenministerin Benita Ferrero-Waldner hin. Immer wieder im Gespräch ist auch Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll, der sich bereits sehr staatsmännisch und europäisch gibt, direkt darauf angesprochen aber heftig abwinkt. (eli, pm, völ)

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