Integrationsfonds, Wiener Volksbildung: Deutsch ohne Zwang

Alphabetisierung für MigrantInnen mit geringer Grundbildung in Wien

Wien, (OTS) In der kommenden Woche wird das Fremdenrechtspaket der Bundesregierung inklusive Integrationsvereinbarung und Pflichtdeutschkurse dem Nationalrat zur Beschlussfassung vorgelegt. Der Wiener Integrationsfonds und der Verband der Wiener Volksbildung haben die Pflichtdeutschkurse, bei deren Nichterfüllung Strafen bis hin zur Ausweisung die Konsequenz sind, im Rahmen einer Pressekonferenz am Freitag heftig kritisiert. Zwang in der Erwachsenenbildung sei pädagogisch völlig kontraproduktiv und habe dort nichts zu suchen, erklärten der Vorsitzende des Verbandes Wiener Volksbildung Dr. Michael Ludwig, und der Geschäftsführer des Wiener Integrationsfonds, Hannes Seitner.****

Bei den von der Regierung verordneten Pflichtdeutschkursen kommt jedoch noch dazu, dass eine besonders benachteiligte Gruppe überhaupt nicht berücksichtigt werde. Im Gegensatz zum Vorhaben der Bundesregierung bieten sowohl der Wiener Integrationsfonds als auch die Wiener Volkshochschulen seit vielen Jahren eigene Deutschkursprogramme für MigrantInnen mit geringer Grundbildung an, eigene Alphabetisierungskurse für MigrantInnen gibt es an der VHS Ottakring.

Dazu der Geschäftsführer des Wiener Integrationsfonds: "Dass die Bundesregierung im sogenannten Integrationsvertrag das Thema Alphabetisierung unter den Tisch hat fallen lassen, beweist einmal mehr, wie hier der Begriff Integration pervertiert wird. Zielgruppenspezifische und auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen ausgerichtete Angebote fehlen ebenso wie ein sozial verträglicher Kostenschlüssel zur Finanzierung der Kurse." Die langjährigen und höchst erfolgreichen Wiener Erfahrungen beim Spracherwerb für MigrantInnen seien vom Bund völlig ignoriert worden, so Seitner weiter. Dr. Michael Ludwig dazu: "Wir bieten bereits seit Ende der 80er Jahre Alphabetisierungskurse für MigrantInnen an, unsere Deutschkurse sind seit Jahrzehnten gut besucht. Im Frühjahrssemester wurden rund 300 Deutschkurse flächendeckend in ganz Wien angeboten, von Floridsdorf bis Liesing, von Döbling bis Simmering."

In den vom Wiener Integrationsfonds geförderten Sprachoffensiven haben seit 1998 12.300 Menschen 841 Kurse besucht. Vom Fonds seien dafür inklusive der derzeit laufenden Sprachoffensive (SPROFF) 2 Mio. Euro investiert worden, betonte der Fondschef. Als Grundvoraussetzung für den Erfolg der zu mindestens 80% geförderten Kursmaßnahmen des WIF bezeichnete Seitner das umfassende Angebot, das eben von Alphabetisierung bis hin zu Fachsprachkursen reicht. So waren von den insgesamt 165 vom WIF im vergangenen Jahr geförderten Sprachkursen alleine 10 der Alphabetisierung gewidmet.

Alphabetisierungskurse an der VHS Ottakring - Qualifizierte Kurse auf mehreren Stufen

Der Alphabetisierungs-Lehrgang Ottakring bietet seit 1991 kontinuierlich kombinierte Kurse für Alphabetisierung und Deutsch auf 4 Niveaus an. In den letzten Jahren gab es ca. 100 TeilnehmerInnen pro Semester in 4-7 Kursen, in manchen Semestern auch bis zu 150 Menschen.

Ganz besonders wichtig bei diesen Kursen, wie z.B. hier an der VHS Ottakring, ist also die Kontinuität und Nachhaltigkeit. Denn der Schrifterwerb ist für die meisten Erwachsenen ein ein- bis mehrjähriger Prozess, der in Etappen vor sich geht. Schriftkenntnisse können nicht innerhalb weniger Wochen "kompakt" nachgeholt werden, es kann nicht erwartet werden, dass die Lernenden nach einem kurzen Alphabetisierungskurs zu regulären Deutschkursen wechseln können. Nur mit Hilfe eines mehrstufigen Angebotes können die Kenntnisse abgesichert und so in der Praxis tatsächlich anwendbar gemacht werden. "Alphabetisierung, die nur aus vereinzelten Angeboten von kurzer Dauer besteht, ist ,Pseudo-Alphabetisierung", erläutert der Vorsitzende des Verbandes Wiener Volksbildung. Sie sei ohne tiefergehende Wirkung und somit ein Vergeuden von Ressourcen, meint Ludwig weiter.

Das Vier - Stufen - Modell

Die Alphabetisierungskurse funktionieren daher nach folgendem Stufenmodell:

o In der ersten Kursstufe werden keine oder nur sehr geringe Buchstaben- und Deutschkenntnisse vorausgesetzt. Die Kursziele liegen beim Erlernen und Absichern der Buchstaben-Laut-Korrespondenz, beim Schreiben und Lesen einfacher Wörter, Namen, Adressen etc. sowie beim Erwerb von Grundkenntnissen in Deutsch.
o In der zweiten Stufe sollen die erwobenen Fähigkeiten dann abgesichert und erweitert werden. Darüber hinaus werden erste Schritte im freien Schreiben gesetzt.
o In der dritten Stufe verfügen die TeilnehmerInnen über gute Grundkenntnisse in Deutsch und haben in der Regel die Prinzipien des Lesens und Schreibens erfasst.
o In der vierten Stufe wird "Richtig Schreiben" angeboten. Diese Kurse richten sich an TeilnehmerInnen, die schon gut lesen können, aber noch große Schreibunsicherheiten haben. Ziel ist die Vorbereitung auf weiterführende Bildungsmaßnahmen, z.B. Hauptschulabschluss-Lehrgang oder AMS-Kurse.

Jede Stufe ist ein Lernprozess von 1-2 Jahren, da Sprache und Schrift gleichzeitig gelernt werden.

Mehr Chancen am Arbeitsmarkt: Alphabetisierungskurse mit Hilfe des PCs Um den Zugang zur neuen Sprache so spannend und praxisorientiert wie möglich zu gestalteten und hier vor allem für die KursbesucherInnen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, wird in den fortgeschrittenen Alphabetisierungskursen der PC als Mittel eingesetzt.

Die Palette reicht dabei von Rechtschreibe-Übungen über freies Schreiben und das Erstellen von Lebensläufen sowie Bewerbungen bis hin zur Gestaltung von Visitenkarten. Damit soll einerseits das selbstständige Arbeiten gefördert werden. Andererseits geht es um eine möglichst praxisnahe Sprachvermittlung. Zum Beispiel um das Meistern von Behördenwegen, das Planen von Weiterbildung, etc.

Qualitätsstandards sichern durch innovative "Bildung für Bildner"

Um die hohe Qualität der Alphabetisierungskurse zu erhalten, nehmen die Unterrichtenden umfassende Weiterbildungsmaßnahmen in Anspruch. Darüber hinaus werden laufend neue Strategien bzw. Materialen entwickelt und angewendet. Die Wiener Volkshochschulen haben bereits seit vielen Jahrzehnten ausgezeichnete Qualitätsstandards im Bereich Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache und orientieren ihre Nachweis- und Zertifizierungssysteme an anerkannten europäischen Standards wie z. B. dem Sprachenportfolio oder dem Österreichischen Sprachendiplom. Außerdem bietet der VWV seit vielen Jahren den Fremdsprachenlehrgang an, der für eine hohe Qualifikation der KursleiterInnen sorgt. Im Herbst läuft an der VHS Ottakring ein Ausbildungslehrgang zu "Alphabetisierung und Deutsch mit MigrantInnen", der bereits jetzt auf großes Interesse stößt.

Seitner: Unterstützung der Betroffenen ist Verpflichtung für WIF

WIF - Geschäftsführer Hannes Seitner abschließend:
"Alphabetisierung ist in jedem qualitätsvollen und pädagogisch ausgereiften Spracherwerbskonzept ein absolutes Muss. Für die Bundesregierung ist sie leider ein Fremdwort. Im Falle der Gesetzwerdung des Fremdenrechtspaketes der Bundesregierung wird der Wiener Integrationsfonds aber jedenfalls ab Herbst dieses Jahres gemeinsam mit seinen KooperationspartnerInnen ein entsprechendes Beratungsangebot vorbereiten. Denn der Integrationsfonds sieht es als seine Verpflichtung an, alles zu unternehmen, um die Betroffenen bestmöglich zu unterstützen. Wir werden es uns allerdings nicht nehmen lassen, diese Bundesregierung für ihr pädagogisch konzeptloses, unmenschliches und sozial völlig unverträgliches Spracherwerbsdiktat weiterhin zu kritisieren."

Ludwig: Freiwilligkeit ist der Grund für den Erfolg der VHS-Deutschkurse

Die Deutschkurse der Volkshochschulen basieren auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und sind sanktionslos - das ist auch der Grund für den großen Erfolg der Kurse. Die Vorteile der Volkshochschulen - das dezentrale Angebot, die hohe Qualität des Unterrichts durch die langjährige Erfahrung und die Möglichkeit der Zertifizierung - machen die Volkshochschulen zu kompetenten Partnern für KursbesucherInnen. Michael Ludwig, Vorsitzender des Verbandes Wiener Volksbildung, gibt konkrete Zahlen: "Pro Jahr besuchen ca. 8.000 MigrantInnen Deutschkurse an den Wiener Volkshochschulen. Das beweist ihr starkes Interesse und große Bedürfnis, Deutsch zu lernen. Sanktionen sind kein geeignetes Mittel, um eine Sprache zu erlernen."

Allgemeine Informationen:
o Verband Wiener Volkshochschulen: http://www.vhs.at/

(Schluss) gph/vhs

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051304 Jul 02

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