DER STANDARD-Bericht: "Affäre Stadler bringt Volksanwaltschaft in Bedrängnis" - Erscheinungstag 5.7.2002

Wien (ots) - Rücktritt ist für Vollksanwalt Ewald Stadler kein Thema:
"Ich kenn sie alle, die Rücktrittsaufforderungen an mich, es beeindruckt mich keine", so der FPÖ-Volksanwalt: "Das ist genau die Masche dieses Neu-Jakobinertums. Es wird von einem Meinungsdirektorium eine Meinung vorgegeben und wer sich nicht an diese vorgegebene und teils übergestülpte Meinung hält, der kommt dann aufs Medienschaffot", Doch das, meint Stadler, "wird es aber jetzt nicht spielen", und betont: "Ich habe außerdem zahlreiche Zustimmung erfahren."

Stadler weist Vorwürfe, den Nationalsozialmus zu verharmlosen, zurück: "Es ist auch keine Verhöhnung der Opfer - weder des einen Regimes, des braunen Sozialismus noch des roten Sozialismus. Ich verlange Respekt vor allen Opfern dieser verrückten, menschenfeindlichen Ideologien."

"Unmenschliche Systeme" und Ideologien seien "primär und grundsätzlich, ob es jetzt der braune oder der rote Terror ist - vor den Opfern ist das alles egal", sagt Stadler, denn: "Aus der Sicht der Opfer ist der braune Terror genauso widerlich und abzulehnen wie der rote Terror. Ich selbst sehe das auch so." Für ihn gäbe es "keine Aufrechnung, wer hat mehr Opfer, wer hat weniger, sondern "jeder Terror ist "menschenfeindlich, ob der braune Natur oder rote oder andere Natur hat."

"Seine Auftritte waren immer schon abstrus, aber jetzt hat er noch ein Schäuferl nachgelegt", sagt Rosemarie Bauer, von der ÖVP gestellte Volksanwältin. Sie meint, dass ihr freiheitlicher Kollege Ewald Stadler das Amt der Volksanwaltschaft beschädigt. Bauer "Stadlers Interpretation der Geschichte
ist zutiefst abzulehen."

Volksanwalt Stadler hatte bei einer Sonnwendfeier gemeint, Österreich sei 1945 "angeblich von Faschismus und Tyrannei befreit worden". Außerdem wollte er sich nicht festlegen, ob Nazi- oder Besatzungszeit schlimmer gewesen sei. Bauer hält es in dieser Situation für einen "gesetzlichen Mangel, dass man einen Volksanwalt nicht absetzen kann". Der Rücktritt von Stadler sei eine "Sache des persönlichen Anstands, das muss er aber selbst entscheiden". Stadler habe immer schon parteipolitisch agiert, seine Geschichtsumdeutung ist für Bauer jetzt aber ein Grund, auch an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Volksanwältin hat die Sorge, "dass es jetzt Menschen gibt, die sagen, da gehe ich gar nicht hin."

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