Der Ego-Trip ohne Ethik

WirtschaftsBlatt-Kommentar von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Einer der Gründe, warum erstaunlich viele Jugendliche beim Wort "Wirtschaft" abschalten oder sogar Aggressionen bekommen, ist das moralische Defizit mancher Spitzenleute führender Wirtschaftsunternehmen. Dass keineswegs verallgemeinert werden darf, versteht sich von selbst, dass aber anderseits die charakterlichen Blindgänger in den Management-Etagen so gut wie jeder Sparte zu finden sind, auch.

Egal, ob Staatsbetrieb oder privat, ob Industrie, Bankbranche oder Handel - Führungskräfte mit der allzeit offenen Nehmerhand fallen mehr auf als Hunderte anständige Kollegen, ehrliche Dienstleister und Vermögende mit ausgepräger Sozialtangente. In einigen Sonderfällen werden auffällig gewordene schwarze Schafe von einem Schatten namens Straffälligkeit eingeholt, worauf der Arm des Gesetzes hoffentlich gerecht und ohne Ansehen der Person waltet.

Wenn der Präsident der USA und somit der klassischen Gesellschaft freiester Marktwirtschaft den Staat zur Wachsamkeit gegenüber Wirtschaftskriminellen auffordert, so ist dabei auch das schlechte Gewissen am Werk, das George Bush wegen der Verbindungen zwischen Politik und dem Skandalkonzern Enron hat. Seit dem Zusammenbruch von Enron ist aber so viel passiert, dass Bushs Vorstoss auch objektivierbare Motive hat. Die mehrjährige Spekulationswelle und die Hypes der New Economy haben offenbar eine hohe Zahl von Leuten in Top-Positionen gespült, die einen kollektiven Drang zum Betrug und zur Bereicherung auf Kosten anderer haben.

Das ist in Summe sowohl volks- als auch globalwirtschaftlich gefährlich, womit klar gestellt sein müsste: Die freie Marktwirtschaft basiert nicht auf dem Gesetz der Gaunerei, sondern wird durch Gauner immer wieder in Misskredit gebracht oder sogar gefährdet. Dann nämlich, wenn sie den Staat dort hineinzwingen, wo er besser draussen bliebe.

Bilanzfälscher haben Weltkonjunktur. Wann und warum hat jeder Einzelne von ihnen abgehoben und vergessen, was ein faires Geschäft und ein gerechter Deal ist? Vielleicht wurden triviale Einstiegsdrogen konsumiert, etwa wenn Konzernbosse für sich schwindelerregende Gehaltssteigerungen angemessen finden, obwohl es sowohl mit der Unternehmensbilanz als auch mit BIP-Wachstum abwärts geht. Strafbar ist das nicht, charaktervoll auch nicht. Es ist der Punkt, an dem manche führende Wirtschaftspersönlichkeit leider das freie Wirtschaften mit einem Ego-Trip durch den ethikfreien Raum verwechselt.

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