"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Ein großes Theater" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 1. Juli 2002

Wien (OTS) - Vor Milliarden TV-Zuschauern wurde die Premiere des Klassikers zur großen Inszenierung. Das Stadion von Yokohama war die Bühne für zwei Ausnahmefußballer.

Doch ausgerechnet Oliver Kahn war es, dem die Rolle des tragischen Helden zugesprochen wurde. Er war der große Star in einer farblosen deutschen Mannschaft. Der beste Tormann der Welt. Wie ein Titan stand er zwischen den Pfosten. Ausgerechnet in seinem wichtigsten Spiel machte er seinen einzigen Fehler im Turnier und erlöste damit sein Gegenüber, Ronaldo, von einem Fluch. Der Fußballgott hatte mit dem gläubigen Ballkünstler sein Einsehen.

Denn damals, unmittelbar vor dem WM-Finale 1998, erlitt Ronaldo einen epileptischen Anfall. Er widersetzte sich den ärztlichen Anweisungen und lief trotzdem aufs Spielfeld. Die Selecao ging gegen Frankreichs Auswahl sang- und klanglos unter. Ronaldo wurde zum Sündenbock gestempelt. Brasilien fiel in eine tiefe Depression und für Ronaldo begann der Leidensweg: Zwei schwere Knieoperationen, das Ende der Karriere vor Augen, erst vor wenigen Monaten das Comeback. Und nun schenkte er mit seinen zwei Toren dem wirtschaftlich schwer angeschlagenem Land den fünften Weltmeistertitel.

Brasilien erhofft sich jetzt eine Aufbruchstimmung. Denn seit 20 Jahren kämpfen dort schon die Mittellosen für eine Landreform. Doch stattdessen Korruption, Gewalt und Armut. In diesem Land, mit über 170 Millionen Einwohnern, fast so groß wie die USA, besitzen immer noch zwei Prozent der Bevölkerung knapp 50 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen. Doch für diesen Augenblick ist das alles vergessen. Brasilien tanzt Samba und hat einen neuen Helden. Die Zuschauer verlassen zufrieden die Bühne. Erst in vier Jahren steht wieder eine Fußball-Weltmeisterschaft auf dem Spielplan. Dann in Deutschland. Und Oliver Kahn hofft, dass dann auch er vom Fluch befreit werden wird.

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