Oberösterreichische Nachrichten Kommentar 1. Juli 2002 "Am Ende siegte doch die Kunst" von Hubert Potyka

Brasilien ist also seit gestern wieder die Nummer eins im Weltfußball. Mit vier Jahren Verspätung haben die Samba-Tänzer aus Südamerika nach der Final-Blamage in Frankreich mit einem 2:0-Sieg gegen Deutschland ihren fünften Weltmeister-Titel gewonnen.
Dabei hatten höchstens 50 Prozent der internationalen Experten in diversen Prognosen Brasiliens einen Platz im Finale zugetraut. Vor allem jene, die sich vor diesem Championat von ein paar überraschenden Niederlagen der seit 1998 im Umbruch befindlichen brasilianischen Mannschaft täuschen ließen, wurden eines Besseren belehrt.
Der neue Weltmeister packte auch dank eines sensationellen Comebacks des von vielen schon abgeschriebenen Ronaldo erst in Südkorea und Japan sein wahres Können aus. Was man in der Südamerika-Qualifikation von Brasilien gesehen hat, war nicht einmal die Hälfte dessen, was dieses Land im Fußball wirklich kann.
ÜSollten die Deutschen tatsächlich Weltmeister werden, dann würde das gegen die Qualität dieses Turniers sprechenß, hatte OÖN-Kolumnist Dietmar Constantini vor dem Finale treffend gemeint. Dass sich am Ende Brasiliens Ballkunst mit ein paar Genies gegen die deutschen Tugenden durchgesetzt hat, war sicher kein Nachteil für den Gesamteindruck dieser Weltmeisterschaft und für den Fußball insgesamt.
Gäbe es nicht die Brasilianer, dann müsste man tatsächlich jenen teilweise Recht geben, die sich darüber beklagen, dass bei dieser WM nur ein taktischer und spielerischer Einheitsbrei zu sehen war. Brasilien hatte vor allem in der Endphase des Turniers weit mehr zu bieten als der Rest der ganzen Fußballwelt.
BDer Star ist im heutigen Fußball kein einzelner Spieler, sondern die MannschaftP, hatte Rudi Völler noch kurz vor dem Endspiel gemeint. Stimmt < im Fall Deutschland. Bei den weltweit unterschätzten Brasilianern sieht die Sache dank grandioser Ball-Künstler wie Ronaldo, Rivaldo oder Ronaldinho anders aus.
Brasilien ist ein würdiger Nachfolger für die schon in der Vorrunde mit nur einem Punkt und einem einzigen Tor ausgeschiedenen Franzosen. Während der Weltmeister von 1998 auch deshalb kläglich scheiterte, weil die Taktik auf den zuerst verletzten und dann nicht fitten Zinedine Zidane ausgerichtet war, stand Brasiliens Spiel von Anfang an auf mehreren festen Säulen.

Natürlich ist nach diesem Turnier immer wieder die hypothetische Frage zu hören, ob Österreich bei dieser weltgrößten Mustermesse des Fußballs etwas verloren gehabt hätte. In dem beim 2:6 in Leverkusen gegen Deutschland gezeigten Zustand herzlich wenig. Darüber wird sich auch Hans Krankl in den vergangenen vier Wochen in seinem italienischen Urlaubsdomizil klar geworden sein.
Aber vielleicht entdeckt unser Teamchef doch noch irgendwo bessere Spieler als Goriupp, Dospel, Pogatetz, Feldhofer, Aufhauser oder Landerl. Allein die Qualifikation für die WM 2006 wäre ein gewaltiger Schub, den der österreichische Fußball bitter nötig hätte

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