"Presse"-Kommentar: Nordkoreas Querschuß (von Christian Ultsch)

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"Presse"-Kommentar: Nordkoreas Querschuß (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 1. Juli 2002

Wien (OTS). Südkorea schien in einem kollektiven Rauschzustand verfallen zu
sein. Ein ganzes Volk tanzte wie in Trance um den runden Lederfetisch. Die Fußball-WM auf eigenem Boden, sie hatte sich zu einer Massenparty gesteigert, als die roten Teufeln völlig überraschend bis in Halbfinale marschierten.
Doch dann kam der große Schock, mit einem Mal wurden die Südkoreaner schmerzhaft daran erinnert, daß sie an einem der gefährlichsten Orte der Welt leben, bedroht von unberechenbaren Nachbarn, den "Brüdern" im kommunistischen Norden.
Mindestens vierzehn Menschenleben forderte eine Seeschlacht, die
wie
aus heiterem Himmel zwischen nordkoreanischen und südkoreanischen Kriegsschiffen ausbrach. Aus heiterem Himmel? In Seoul ist man überzeugt, daß der Zeitpunkt des Gefechts nicht zufällig war: Die Kommunisten in Pjöngjang, so die Interpretation in Südkorea, wollten zum Höhepunkt der WM querschießen, und zwar just wenige Minuten, bevor Südkorea (letztlich erfolglos) gegen die Türkei um Platz drei spielte. Nordkorea dementiert vehement, derlei Absichten verfolgt zu haben. Es sei die südkoreanische Marine gewesen, die das Feuer eröffnet habe.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben jedoch gelehrt: Die Machthaber Nordkoreas provozieren immer dann Krisen, wenn Hoffnung auf eine Aussöhnung mit dem Süden besteht.
Auch diesmal hatten einige optimistische Beobachter baldige Fortschritte im Friedensprozeß auf der geteilten Halbinsel erwartet, zumal US-Präsident Bush seine harte Haltung gegen die nordkoreanische "Achsenmacht des Bösen" zuletzt etwas aufgeweicht hat und Südkoreas Präsident Kim Dae Jung, ein eiserner Verfechter einer Annäherung, im letzten Jahr seiner Amtsperiode steht.
Doch langsam, nach Jahren der ermattenden "Sonnenscheinpolitik" Kims, wird deutlich: Auch wenn Nordkoreas Volk verhungert, das dortige Regime wird nie den entscheidenden Schritt zum Frieden oder gar zur Wiedervereinigung setzen. Denn die Alt-Stalinisten fürchten, daß dann ihre letzte Stunde geschlagen hat. Und dagegen werden sie sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen.

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