Oberösterreichische Nachrichten Kommentar 27. Juni 2002 "Ein Euro ist ein Dollar" von Gerald Mandlbauer

Vier Milliarden Euro sind keine Kleinigkeit. Fehlbuchungen in dieser Höhe hat gestern der US-Konzern Worldcom eingestanden. Damit findet die Reihe spektakulärer Verfehlungen von Führungskräften in US-Unternehmen ihre Fortsetzung.
Wem ist überhaupt zu trauen? Wer ist noch der Raffgier erlegen? Sind denn alle Betrüger? Weltweit fragen sich Anleger, was los ist in den Unternehmen, den Aufsichtsräten, bei den Bilanzprüfern, dass Kriminalfälle wie Worldcom, Enron, Tyco über Jahre hinweg unentdeckt bleiben konnten.
Das Vertrauen in die Anständigkeit von Unternehmen und die Aussagekraft von Firmenbilanzen hat einen historischen Tiefpunkt erreicht.
Vier Milliarden Euro sind, gleichwohl der Einzelfall schwer wiegt, global gesehen, eine läppische Summe. Und doch genügte Worldcoms Schuldeingeständnis gestern, um die Finanzmärkte erbeben zu lassen. So instabil ist momentan die Lage.
Viele Unsicherheitsfaktoren fallen zusammen: Die Erkenntnis, dass die US-Wirtschaft sich nicht so rasch erholt wie erhofft. Die zurückgestutzten Erwartungen der Telekom- und auch der Biotech-Konzerne. Wieder erwachte Angst vor neuen Terroranschlägen, die Nahostkrise. Die Irritation an den Börsen ist so groß, dass einzelne Institute derzeit überhaupt vom Kauf von Aktien abraten. Kurzfristig seien weitere starke Verluste zu erwarten, heißt es in den Prognosen.
Börsekurse und Außenwert des US-Dollar korrelieren stark. Zweifelsohne spiegelt die Entwicklung des Dollar Stimmung und Lage in den USA. Doch was den Kurs ungleich stärker beeinflusst, ist der Wille der Politik. Präsident Bush macht sich gar keine Mühe, die Zufriedenheit mit der Fieberkurve seiner Währung zu verbergen. XDer Dollar wird sein Niveau abhängig davon suchen, ob das Land sich erholen und seine industrielle Basis beleben kanny, sagte der Präsident.
Mit anderen Worten: Eine Dollar-Schwächung, die Ausfuhren verbilligt, damit die US-Exportwirtschaft ankurbelt, kommt ihm nur recht.

Das sind keine neuen Töne aus den USA. Die Amerikaner haben ihre Währung immer wieder zur Steuerung der Wirtschaft benutzt, frei nach dem Motto: Der Dollar ist unsere Währung (mit der wir im Inland zahlen) I jedoch das Problem der anderen (die an seinen Kurssprüngen zu kauen haben).
In wenigen Tagen sollte die Parität erreicht sein 9 ein Dollar einen Euro wert sein. Spektakuläre Kehrtwende I oder erwartete Korrektur, wie sie an den Devisenmärkten unvermeidlich ist? Von beidem ein wenig.
Für diejenigen, die im Euro und seinen geringen Außenwert nur ein Weichei sahen, mag die Wertsteigerung überraschend kommen. Für jene, die die Euro-Schwäche der letzten zwei Jahre als eine übertriebene Dollar-Stärke beurteilten, bedeutet der Pendelschlag Rückkehr Richtung Normalität. Dem Euro tut der Kurswechsel jedenfalls gut. Er gewinnt Reputation. Ob sich Europas Wirtschaft gleichermaßen freuen kann, ist eine andere Frage. Früh genug noch werden wir dem Effekt einer billigen Währung nachweinen.

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