"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Ein langer Kampf" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 25. Juni 2002

Innsbruck (OTS) - Die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes gegen den Homosexuellen-Paragraf 209 war längst überfällig. Jahrelang mussten die Schwulen gegen die eindeutig diskriminierende und zugleich strengste Regelung innerhalb der EU ankämpfen. Während bei heterosexuellen oder lesbischen Beziehungen in Österreich das Schutzalter bei 14 Jahren liegt, so war bislang die sexuelle Beziehung von Männern über 19 Jahren mit Männern unter 18 Jahren strafbar.

Die zahlreichen Versuche in den vergangenen Jahren, auf politischer Ebene eine Gesetzesänderung zu erreichen, scheiterte allemal an der starren Haltung der Volkspartei. Jetzt wurde der Gesetzgeber von den Höchstrichtern zum Handeln aufgefordert.

Die umfangreiche Zeit, die der Verfassungsgerichtshof dem Gesetzgeber für eine Neuregelung einräumt, sollte für eine breite Diskussion genützt werden. Denn immer noch beherrschen Vorurteile gegen Homosexuelle die öffentliche Diskussion. Doch Homosexualität ist weder abnormal, noch chic und sie ist schon gar keine Modeerscheinung oder Krankheit. Zu jeder Zeit gab es gleichgeschlechtliche Liebe in allen Kulturen. Allerdings entspricht das Schwul-Sein nicht den gängigen Männlichkeitsbildern, deshalb haben in der Regel Frauen ja weniger Probleme mit der Homosexualität als Männer.

Zudem wurden in der Vergangenheit immer wieder bewusst der notwendige Kinder- und Jugendschutz mit dem Schutzalter des Homosexuellen-Paragrafen vermischt. Doch eine Liebesbeziehung hat mit Missbrauch im Regelfall wenig gemein. Es braucht daher in der Diskussion zwischen den politischen Verantwortungsträgern im Land eine Entkoppelung dieser unterschiedlichen Bereiche. Deshalb kann eine generelle Anhebung des Schutzalters auf 16 oder 18 Jahre nicht die Lösung sein. Außer man nimmt in Kauf, dass verliebte Teenager künftig mit dem Strafgesetzbuch bedroht werden.

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