Oberösterreichische Nachrichten Kommentar 22. Juni 2002 "Globalisierung gegen Migration" von Hans Köppl

Schneetreiben im Paradiesm lautet der Titel einer Spiegel-Geschichte zum Thema illegale Einwanderung, mit der sich in den beiden vergangenen Tagen auch die Staats- und Regierungschefs der EU eingehend beschäftigt haben. Erzählt wird darin die Geschichte einer jungen Nigerianerin, die es teils mit Hilfe von Schleppern geschafft hat, nach Andalusien überzusetzen. Dort sitzt die 23-Jährige seit Jahren in einer Bruchbude fest. Illegal. Die Aussicht auf Asylgewährung ist mehr als ungewiss. Ein Schicksal, das sie mit Hunderttausenden Migranten teilt, die seit den jüngsten Wahlsiegen rechter Populisten zum politischen Hauptthema in Europa geworden sind.
Die Rede ist von Migranten im Unterschied zu Kriegsflüchtlingen. Die Mehrzahl dieses Flüchtlingstyps überwindet entbehrungsreich Tausende Kilometer in der Hoffnung auf ein besseres Leben, ein Leben, das ihnen die Heimat nicht bieten kann. Der Weggang von Zuhause ist rational geplant, die oft horrenden Kosten für die Reise sind in der Sicht dieser Menschen eine Investition in die Zukunft. Besagter Nigerianerin haben Familie und Freunde ein paar tausend Dollar gegeben in der Erwartung, dass sie irgendwo in Europa Fuß fassen kann und dort einen Job kriegt. Vom Verdienst sollte sie einen Teil in die Heimat überweisen, um der Familie zu einer menschenwürdigeren Existenz zu verhelfen.

Die Angst der Europäer vor diesen Wirtschaftsflüchtlingen ist vielfach irrational, als psychologischer Faktor aber eine politische Größe, die nicht mehr übersehen werden kann. Die irrationale Fremdenfeindlichkeit gegenüber Menschen, die der Not entfliehen wollen, ist das Spiegelbild der ebenfalls irrationalen Globalisierungsängste. Den Freihandel und die mit ihm verbundene Niederlassungsfreiheit zum Sündenbock für Arbeitslosigkeit im reichen Europa zu stempeln, entspricht im Grunde dem gleichen Reflex gegen das Fremde schlechthin.
So wenig junge Menschen in reichen Ländern Opfer der Globalisierung sind, wenn sie mangels Ausbildung keine Arbeit finden, so wenig sind die meisten Migranten Verlierer einer vermeintlich ausbeuterischen Globalisierung. Ihr bedauernswertes Los besteht vielmehr darin, dass sie von der Globalisierung ausgeschlossen sind. Zum Beispiel Afrikaner oder Afghanen. Sie sind nicht Opfer der Globalisierung, sondern von korrupten Regierungen, die ihnen wirtschaftliche und politische Freiheitsrechte vorenthalten und gleichzeitig ausländische Investoren abschrecken.

Richtig verstandene Globalisierung, verbunden also mit sozialer Verträglichkeit und ökologischer Nachhaltigkeit, heißt, im Entwicklungsland zu produzieren, um dort Kaufkraft zu schaffen. Wo das gelingt, wird die Lust, wegzugehen, drastisch sinken. Mangels bequemer Sündenböcke wird das reiche Europa dann trachten müssen, selbst verursachte Prob-leme an der eigenen Wurzel anzupacken. Die gegenwärtige Abwehrschlacht gegen Migranten ist in diesem Sinne keine Notwehr sondern ein Ablenkungsmanöver.

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